04. November 2026
Computertomografische Aufnahmen können mehr zeigen als die ursprünglich gesuchte Erkrankung. Dr. Simon Bernatz, Oberarzt an der Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin der Universitätsmedizin Frankfurt, nutzt sie, um mithilfe künstlicher Intelligenz Rückschlüsse auf den Zustand des Immunsystems zu ziehen. Für seine Forschungsarbeiten erhielt er gestern den Theodor Stern-Stiftungspreis.
Dr. Simon Bernatz untersuchte die Thymusdrüse, ein für das Immunsystem wichtiges Organ. KI-gestützt lassen sich Veränderungen erfassen, die Hinweise auf die Funktion und Alterung des Immunsystems geben. Die Ergebnisse eröffnen neue Perspektiven für die Medizin: Die Thymusgesundheit könnte künftig als Biomarker dienen, um das individuelle Krankheitsrisiko und die Immunalterung besser einzuschätzen oder den Erfolg bestimmter Therapien vorherzusagen. Ein besonderer Vorteil des Ansatzes ist, dass CT-Aufnahmen genutzt werden, die im klinischen Alltag ohnehin angefertigt werden und bereits vorliegen.
Für diesen innovativen Forschungsansatz erhielt Dr. Simon Bernatz am 03. November 2026 im Rahmen des Dies academicus des Fachbereichs Medizin der Goethe-Universität den Theodor Stern-Stiftungspreis. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert.
Aus Bilddaten werden neue Informationen
Der Thymus liegt hinter dem Brustbein und spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung des Immunsystems. Er bildet T-Zellen aus, spezialisierte Immunzellen, die Krankheitserreger erkennen und bekämpfen. Lange galt die Thymusdrüse vor allem als „Kindesorgan“, das sich im Laufe des Lebens natürlicherweise zurückbildet und zunehmend durch Fettgewebe ersetzt wird. Neuere Forschung zeichnet ein anderes Bild. Der Zustand des Thymus scheint auch im Erwachsenenalter mit der Leistungsfähigkeit des Immunsystems und verschiedenen gesundheitlichen Risiken zusammenzuhängen.
In der Bildgebung lässt sich die Thymusgesundheit unter anderem anhand des Ausmaßes der Verfettung beurteilen. Weniger Fettgewebe im Thymus steht dabei tendenziell für einen besseren Zustand des Organs. Dr. Simon Bernatz und seine Forscherkolleginnen und -kollegen setzten künstliche Intelligenz ein, um diese Veränderungen automatisiert aus CT-Bilddaten zu erfassen und auszuwerten. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten hierzu wurden 2026 in der renommierten Fachzeitschrift Nature veröffentlicht. Damit wird die Radiologie nicht nur zur Diagnostik von Krankheiten genutzt, sondern zugleich als Quelle zusätzlicher biologischer Informationen.
Herausragender translationaler Forschungsansatz
„Dr. Simon Bernatz hat über die Grenzen seines Fachgebiets hinausgedacht und damit ein neues Forschungsfeld an der Schnittstelle von Radiologie und Immunologie erschlossen“, erklärte Prof. Dr. Stefan Zeuzem, Dekan des Fachbereichs Medizin der Goethe-Universität. „Seine Arbeit zeigt beispielhaft, wie der Blick über etablierte Fachgrenzen hinweg Ansätze für eine stärker individualisierte Medizin hervorbringen kann. Das ist interdisziplinäre Forschung mit klarem medizinischem Nutzen.“
„Die Radiologie als Instrument einzusetzen, um aus medizinischen Bilddaten zusätzliche Informationen über den Gesundheitszustand eines Menschen zu gewinnen, ist ein herausragender translationaler Forschungsansatz“, sagte Prof. Dr. Thomas Vogl, Direktor der Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin an der Universitätsmedizin Frankfurt, in seiner Laudatio. „Dieser Ansatz könnte perspektivisch dazu beitragen, Krankheitsrisiken früher zu erkennen und besser einzuschätzen, welche Patientinnen und Patienten von bestimmten Therapien profizieren. Auch für die Immunonkologie könnte der Ansatz relevant werden, wenn sich die Thymusgesundheit als verlässlicher Marker für das Ansprechen auf Immuntherapien bestätigt.“
Alle Preisträgerinnen und Preisträger
Bei dem jährlich stattfindenden Dies academicus des Fachbereichs Medizin der Goethe-Universität werden Preise des Fachbereichs und zahlreicher Stiftungen vergeben, die insbesondere den wissenschaftlichen Nachwuchs der Universitätsmedizin Frankfurt seit vielen Jahren kontinuierlich fördern:
- Theodor Stern-Stiftungspreis: Dr. Simon Bernatz
- Rudi Busse-Promotionspreise des Fachbereichs Medizin:
- für die beste (zahn)medizinische Promotion: Dr. Stephanie Laszig, Institut für Experimentelle Pädiatrische Hämatologie und Onkologie
- für die beste naturwissenschaftliche Promotion: Dr. Alicia Susana Haydo, Klinik für Neurochirurgie, Zentrum der Neurologie und Neurochirurgie
- Alumni-Promotionspreis: Dr. Jeonghyeon Kwon, Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung
- Promotionspreis des Thomas Vogl-Stiftungsfonds: Dr. Lisa-Marie Ysermann, Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin
- Promotionspreis der Albig-Stiftung: Dr. Andreas Stefan Peinelt, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
- Frankfurter Forschungspreis der Rudolf Geißendörfer-Stiftung: Dr. Maximilian Geißler, Klinik für Neurochirurgie, Zentrum der Neurologie und Neurochirurgie
- Stifterpreis „Sozialpsychiatrie Frankfurt“: Dr. Naisan Raji, Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Zentrum der Psychischen Gesundheit
- Preis der Dr. Paul und Cilly Weill-Stiftung: Dr. Dominic Denk, Medizinische Klinik 1, Zentrum der Inneren Medizin
- Josepha von Siebold-Förderpreis: Dr. Katrin Merk-Ahmad, Dr. Senckenbergische Institute für Pathologie und Humangenetik
- Forschungspreis für Nierenkrebsforschung der Ellinore und Herbert Vogel-Stiftung: Dr. Melanie Glück, Institut für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie, und Dr. Rajkumar Vutukuri, Institut für Allgemeine Pharmakologie und Toxikologie, Zentrum der Pharmakologie
Traditionell wird zudem eine Ehrendoktorwürde des Fachbereichs Medizin verliehen. In diesem Jahr erhielt der österreichische Internist Prof. Dr. Georg Schett, Leiter der Rheumatologie des Uniklinikums Erlangen, den Doktor der Medizin ehrenhalber. Ausgezeichnet wurde er für seine herausragenden Verdienste im Bereich immunvermittelter Erkrankungen.
Die Theodor Stern-Stiftung
1994 haben die Universitätsmedizin Frankfurt und die Frankfurter Sparkasse die Theodor Stern-Stiftung eingerichtet. Mit ihrer Hilfe sollen sowohl das öffentliche Gesundheitswesen als auch die medizinische Forschung und Lehre gefördert werden. Der Namensgeber Theodor Stern (1837–1900) war für Frankfurt ein bedeutender Stifter und Mäzen. Er unterstützte unter anderem die Initiative zur Gründung der Universität Frankfurt im Jahr 1914. Nach ihm ist auch der Theodor-Stern-Kai benannt, an dem die Universitätsmedizin Frankfurt ihren Sitz hat.
Bildmaterial:
(1) Dr. Simon Bernatz (M.) wird von Prof. Dr. Thomas Vogl (l.) und Prof. Dr. Stefan Zeuzem mit dem Theodor Stern-Stiftungspreis 2026 ausgezeichnet.
(2) Alle Preisträgerinnen und Preisträger des Fachbereichs Medizin und der Stiftungen
(3) Prof. Dr. Georg Schett (M.) vom Uniklinikum Erlangen erhält von Prof. Dr. Stefan Zeuzem (l.) und Prof. Dr. Frank Behrens die Ehrendoktorwürde des Fachbereichs Medizin der Goethe-Universität.
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Der Abdruck der Fotos ist kostenfrei (Quelle: Universitätsmedizin Frankfurt).
Für weitere Informationen:
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