12. Juni 2026
Trotz klarer Leitlinienempfehlungen sinkt in Deutschland die Verschreibungsrate von Clozapin, dem wirksamsten Medikament bei therapieresistenter Schizophrenie. Eine Studie unter Beteiligung der Universitätsmedizin Frankfurt zeigt gravierende regionale Unterschiede und vermutet systemische Barrieren.
Etwa ein Drittel aller Menschen mit Schizophrenie entwickelt eine sogenannte Therapieresistenz und profitiert nicht von antipsychotischen Standardmedikamenten. Für diese Patientinnen und Patienten empfehlen nationale und internationale Leitlinien das Antipsychotikum Clozapin als Behandlung der Wahl. Zahlreiche Studien belegen dessen Vorteile hinsichtlich Symptombesserung, Rückfallvermeidung, Suizidprävention und Sterblichkeit.
Die kürzlich im Fachjournal Schizophrenia veröffentlichte Studie zeigt jedoch erhebliche Defizite in der Versorgung von Menschen mit schwerer Schizophrenie in Deutschland. Sie analysierte die Entwicklung der Clozapin-Verschreibungen zwischen 2012 und 2022 anhand von Routinedaten gesetzlicher Krankenkassen, die etwa 20 Prozent der deutschen Bevölkerung abdecken. Die Untersuchung erfasste dabei sowohl zeitliche Entwicklungen als auch regionale Unterschiede der Verschreibungspraxis.
„Die Ergebnisse sprechen dafür, dass viele Menschen mit schweren Verlaufsformen der Schizophrenie in Deutschland weiterhin keinen ausreichenden Zugang zur wirksamsten verfügbaren Behandlung erhalten“, sagt Dr. Robert Bittner, stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Frankfurt. „Leitlinien empfehlen Clozapin bereits dann, wenn zwei andere antipsychotische Behandlungen nicht ausreichend wirksam waren. In der Praxis wird die Behandlung jedoch häufig erst Jahre später oder gar nicht begonnen. Für die Betroffenen kann dies schwerwiegende Folgen für den weiteren Krankheitsverlauf haben.“
Verschreibungsraten rückläufig und regional unterschiedlich
Die Studie kommt zu einem eindeutigen Befund: Die beobachteten Verschreibungsraten lagen deutlich unter der zu erwartenden Häufigkeit von Patientinnen und Patienten mit therapieresistenter Schizophrenie. Darüber hinaus zeigt die Analyse, dass die Clozapin-Verschreibung in Deutschland zwischen 2012 und 2022 nicht zunahm, sondern sogar rückläufig war. Die Verschreibungsprävalenz sank in diesem Zeitraum um 16 Prozent. Noch deutlicher war der Rückgang bei Neueinstellungen auf Clozapin.
Gleichzeitig fanden die Forschenden erhebliche regionale Unterschiede: Je nach Region Deutschlands unterschieden sich die Verschreibungshäufigkeiten um das bis zu 39-Fache. „Die Spannweite der Verschreibungshäufigkeiten ist so groß, dass sie sich kaum allein durch Unterschiede in der Krankheitshäufigkeit erklären lässt. Vielmehr deutet dies auf erhebliche Unterschiede in den Versorgungsstrukturen und in der praktischen Umsetzung einer evidenzbasierten Behandlung hin“, erklärt Erstautor Dr. Oliver Scholle vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS.
Systemische Barrieren als Hauptursache
Fachleute diskutieren seit Jahren, warum Clozapin trotz seiner hohen Wirksamkeit so selten eingesetzt wird. Nach Einschätzung der Forschenden stehen dabei weniger medizinische Gründe im Vordergrund als vielmehr strukturelle Hürden im Versorgungssystem: fehlende Erfahrung im Umgang mit Clozapin, organisatorische Probleme beim Behandlungsbeginn sowie eine insgesamt unzureichende Umsetzung bestehender Leitlinienempfehlungen.
„Internationale und nationale Leitlinien empfehlen Clozapin seit Jahren klar für die Behandlung der therapieresistenten Schizophrenie“, sagt Prof. Dr. Dr. Christian Bachmann vom Universitätsklinikum Ulm. „Umso wichtiger ist es, besser zu verstehen, warum diese Empfehlungen in der Versorgungspraxis bislang häufig nicht ausreichend umgesetzt werden. Unsere Ergebnisse unterstreichen den Bedarf an gezielten strukturellen Verbesserungen.“
Spezialisierte Versorgungsangebote gefordert
Die Autorinnen und Autoren sehen insbesondere die Notwendigkeit spezialisierter Versorgungsangebote für Menschen mit therapieresistenter Schizophrenie. Spezialisierte Ambulanzen könnten Betroffene früher identifizieren, die Einleitung einer Clozapin-Behandlung unterstützen, niedergelassene Behandler beraten und die langfristige Betreuung koordinieren. Ziel ist es, den Zugang zu einer leitliniengerechten Behandlung deutlich zu verbessern.
Die Studie reiht sich in eine wachsende öffentliche und wissenschaftliche Diskussion über Versorgungslücken bei schweren psychischen Erkrankungen ein. Gleichzeitig können die Ergebnisse wichtige Anregungen für zukünftige gesundheitspolitische Maßnahmen liefern.
Hintergrund: Projekt OPTI-Treat
Die Arbeit entstand im Rahmen des Projekts OPTI-Treat unter Beteiligung der Universitätsmedizin Frankfurt, des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS, des Universitätsklinikums Ulm und der Universität Oldenburg.
Die Autorinnen und Autoren danken der Dr. Elmar und Ellis Reiss Stiftung Frankfurt herzlich für die Förderung des Projekts, ohne die diese Studie nicht möglich gewesen wäre.
Publikation:
Scholle, O.H.F., Riedel, O., Qubad M., Dörks, M., Kollhorst, B., Bittner, R.A.*, Bachmann, C.J.*:
Clozapine prescribing in Germany: temporal trends and regional variations, 2012–2022;
Schizophrenia, May 14, 2026.
* These authors contributed equally
https://doi.org/10.1038/s41537-026-00763-w
Für weitere Informationen:
Dr. Robert Bittner
Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie
Universitätsmedizin Frankfurt
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