06. Oktober 2026
Erwachsene Patientinnen und Patienten mit akuter lymphatischer Leukämie (ALL) erhalten aktuell eine intensive und belastende Therapie, mit der bereits erhebliche Verbesserungen der Heilungschancen erreicht wurden. Die Deutsche Krebshilfe fördert nun mit rund 4,4 Millionen Euro eine großangelegte, multizentrische Studie unter der Leitung der Universitätsmedizin Frankfurt, die an rund 100 Kliniken neue Therapieansätze zur Optimierung der Behandlungsstrategie erforschen soll. Patientinnen und Patienten werden dabei auf innovative Weise in den Studienverlauf eingebunden.
Die akute lymphatische Leukämie (ALL) ist eine bösartige Erkrankung des blutbildenden Systems im Knochenmark. Bei dieser Krankheit reifen die weißen Blutkörperchen nicht zu funktionsfähigen Zellen heran, sondern vermehren sich unkontrolliert. Dies kann zu Blutarmut, Infektionen und erhöhter Blutungsneigung führen, wodurch die Körperorgane geschädigt werden. Ohne adäquate Behandlung verläuft die ALL innerhalb weniger Monate tödlich.
In Deutschland erfolgt die Behandlungsoptimierung seit über 40 Jahren durch die multizentrische Studiengruppe für die ALL des Erwachsenen (GMALL), die heute von Dr. Nicola Gökbuget an der Universitätsmedizin Frankfurt geleitet wird. „Die großzügige Förderung durch die Deutsche Krebshilfe ist für unsere Arbeit von großer Bedeutung“, betont die Leiterin. „Sie ermöglicht es uns, neue Therapieansätze in einem großen bundesweiten Verbund systematisch zu untersuchen und damit einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Behandlung der ALL zu leisten. Unser Ziel ist es, die Therapie für erwachsene Patientinnen und Patienten noch wirksamer und zugleich verträglicher zu gestalten.“
Ziele und Inhalte der GMALL09-Studie
Im Gegensatz zu früheren Studien werden Patientinnen und Patienten aller Altersgruppen eingeschlossen und mit einem Behandlungskonzept versorgt, das an Alter, Allgemeinzustand und Vorerkrankungen angepasst ist. Die Studie untersucht außerdem eine neue Risikostratifikation, also eine Einteilung der Teilnehmenden nach bestimmten Risikomerkmalen der Erkrankung, anhand derer Intensität und Zusammensetzung der Behandlung individuell angepasst werden. So kann bei einem Teil der Patientinnen und Patienten die Therapieintensität reduziert werden.
Weiterhin werden zwei Fragestellungen durch eine zufällige Zuordnung der Patientinnen und Patienten zu den jeweiligen Untersuchungsgruppen und eine weitere anhand bestimmter Patientenmerkmale untersucht:
- Ersatz der intensiven Chemotherapiekonsolidation durch Immuntherapie bei jüngeren Patientinnen und Patienten mit B-ALL, einer Unterform der ALL
- Intensivierung der Induktionstherapie bei T-ALL-Patientinnen und -Patienten mit suboptimalem Ansprechen
- Ersatz der Induktionschemotherapie II durch eine Immuntherapie bei älteren Patientinnen und Patienten mit ungünstigem Ansprechen nach der ersten Induktionsphase
Viele weitere Elemente der Studie dienen der Therapieoptimierung für spezifische Patientengruppen. So spielt die Behandlungsverbesserung bei Patientinnen und Patienten mit Übergewicht ebenso eine zentrale Rolle wie die Früherkennung und Behandlung von Komplikationen wie der Osteonekrose, dem Absterben von Knochengewebe, das als Nebenwirkung einer intensiven Chemotherapie auftreten kann. Auch die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Rückfall oder schlechtem Ansprechen soll weiter optimiert werden.
Patientinnen und Patienten aktiv einbinden
In Kooperation mit der Deutschen Leukämie- und Lymphomhilfe wird das von der GMALL entwickelte Konzept zur Patienteneinbindung breiter implementiert. Patientinnen und Patienten haben unter anderem die Möglichkeit, Nebenwirkungen zu dokumentieren und Parameter zu ihrer Lebensqualität einzugeben. „Wir hoffen, dass wir mithilfe des Programms die Patientenperspektiven besser wahrnehmen und Patientinnen dadurch noch zielgerichteter unterstützen können“, sagt Dr. Nicola Gökbuget.
Die Studie soll etwa 2000 Patientinnen und Patienten einschließen und wird über die nächsten fünfeinhalb Jahre wesentlich den Behandlungsstandard in Deutschland mitbestimmen. Gerade bei einer seltenen Erkrankung wie der ALL spielt die qualitätsgesicherte und standardisierte Therapie im Rahmen der Studie eine entscheidende Rolle, da sie Forschung und optimale Versorgung zusammenführt.
Über die Studiengruppe GMALL
Die GMALL-Studiengruppe zählt zu den weltweit größten Studiengruppen der ALL bei Erwachsenen. Sie ist als klinische Forschungsgruppe an der Medizinischen Klinik 2, Schwerpunkt Hämatologie/Onkologie, der Universitätsmedizin Frankfurt unter Leitung von Prof. Dr. Hubert Serve und Prof. Dr. Thomas Oellerich angesiedelt. An der GMALL09-Studie sind ca. 100 Zentren in Deutschland beteiligt. Dazu kommen Kooperationen mit weiteren 50 Kliniken und bis zu 50 Zentren für Stammzelltransplantation.
„Nur durch die sehr breite Aufstellung der Studie kann bei der seltenen Erkrankung ALL eine ausreichende Anzahl von Patientinnen und Patienten für die Studie gewonnen werden“, erklärt Dr. Nicola Gökbuget. „Das GMALL-Team bedankt sich bei allen beteiligten Studienkliniken, dass sie trotz immer größerer Herausforderungen im Klinikalltag an der Studie teilnehmen und so ihren Patientinnen und Patienten ein optimiertes Therapiekonzept anbieten sowie gleichzeitig den wissenschaftlichen Fortschritt unterstützen.“
Für weitere Informationen:
Dr. Nicola Gökbuget
Medizinische Klinik 2, Schwerpunkt Hämatologie/Onkologie
Universitätsmedizin Frankfurt
Telefon: +49 69 63 01 – 63 65
E-Mail: goekbuget@em.uni-frankfurt.de
Internet: www.unimedizin-ffm.de