Eine internationale Forschergruppe konnte unter Beteiligung von Forschern aus dem Epilepsiezentrum Frankfurt Rhein-Main elf neue genetische Risikofaktoren für einige der häufigsten Epilepsieformen identifizieren.
Die Epilepsie ist sowohl eine der ältesten als auch eine der häufigsten chronischen Krankheiten überhaupt – 65 Millionen Menschen sind weltweit betroffen. Dennoch ist ihre Entstehung bislang nicht vollständig geklärt. So ist vor allem die Vererbung bestimmter Formen der Krankheit hochkomplex.
Eine großangelegte internationale Studie unter Frankfurter Beteiligung hat hierzu nun neue Erkenntnisse geliefert: Das Konsortium zu komplexen Epilepsien der Internationalen Liga gegen Epilepsie hat unter Beteiligung von Dr. Philipp Reif, Prof. Karl Martin Klein und Prof. Felix Rosenow vom Epilepsiezentrum Frankfurt Rhein-Main eine großangelegte Analyse der genetischen Daten von mehr als 15.000 Epilepsiepatienten durchgeführt. Dabei haben die Forschenden 16 Stellen im menschlichen Erbgut identifiziert, an denen sich Genvarianten finden, die Epilepsie mitbedingen können. Die Ergebnisse wurden jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht.
„Bei gut einem Drittel aller Epilepsiepatienten kann selbst mithilfe modernster Therapien aktuell keine Anfallsfreiheit erreicht werden. Durch die vorliegende Studie ist es uns gelungen, die hochkomplexen genetischen Grundlagen der Epilepsie weiter zu verstehen. Mithilfe dieser Erkenntnisse kann die Therapie auf den einzelnen Patienten ausgerichtet werden. Zudem können diese Ergebnisse helfen, Arzneien zu identifizieren, die direkt auf die Epilepsierisikogene wirken und so Anfälle unterbinden können. So könnte die Lebensqualität von ausgewählten Epilepsiepatienten verbessert werden“, erklärt Prof. Felix Rosenow, Leiter des Epilepsiezentrums Frankfurt Rhein-Main.
Entdeckte Genvarianten beeinflussen die Entstehung epileptischer Anfälle
In einer Genomanalyse von 15.212 Epilepsiepatienten und 29.677 nichtbetroffenen Personen wurden zunächst 16 Regionen identifiziert, die Risikogene für Epilepsie beherbergen. Elf davon waren bislang unbekannt; fünf davon waren aus einer vorangegangenen Analyse bekannt und wurden bestätigt. Elf der 16 Orte – zu diesen zählen sieben der bislang unbekannten ‒ bergen Risikogene für sogenannte generalisierte Epilepsien, die sehr häufig genetisch bedingt sind, wobei die genaue genetische Grundlage bislang weitgehend unbekannt war. Anhand dieser 16 Genorte machten die Forscher 146 Einzelgene aus, die sie als mögliche Risikogene für Epilepsie überprüften. So konnten sie 21 Gene als wahrscheinliche Epilepsiegene identifizieren.
Auf biologischer Ebene hatten diese Gene verschiedenste Funktionen. So waren sie unter anderem mit den sogenannten Ionenkanälen assoziiert, Proteinen, die die Übertragung elektrischer Signale im Nervensystem ermöglichen. Eine Fehlfunktion dieser Proteine ist die Grundlage epileptischer Anfälle, die durch elektrische Entladungen von Nervenzellen im Gehirn entstehen. Durch einige der gefundenen Risikovarianten wird die Durchlässigkeit von Nervenzellhüllen für Ionen (z.B. Natrium) erhöht, was die Erregbarkeit dieser Zellen erhöht.
Gemeinsame Risikofaktoren für bestimmte Epilepsieformen
Zwischen den verschiedenen Untertypen der Epilepsie gibt es dabei deutliche Überschneidungen bezüglich der Orte und Gene, die dafür verantwortlich sein könnten. Es ist zu vermuten, dass der jeweilige Epilepsietyp letztlich von einzelnen spezifischen Genvarianten bestimmt wird. Zudem gibt es Hinweise, dass schwerer betroffene Patienten zum Teil mehrere Risikovarianten tragen. Auf der Basis der aktuellen Ergebnisse wird es in der nahen Zukunft möglich werden, Risikowerte für einzelne Patienten zu berechnen, welche die Ausprägung einer Epilepsie erklären und eine individualisierte Behandlung ermöglichen könnten.
Präzisere Therapie dank Kenntnis biologischer Grundlagen
Für die 21 wahrscheinlichsten Risikogene, in denen sich die gefundenen Varianten nachweisen ließen, sind bereits heute Arzneimittel bekannt, die eine Wirkung auf die veränderten Ionenkanäle entfalten oder entfalten könnten. Einige dieser Substanzen sind bereits für die Therapie anderer neurologischer Erkrankungen zugelassen, so dass ein Einsatz bei den betroffenen Patienten relativ rasch möglich wäre. Künftige Studien können nun auf Basis der vorliegenden Ergebnisse Arzneimitteltherapien genauer prüfen.
International renommierte Epilepsieforschung aus Frankfurt
Das Konsortium zu komplexen Epilepsien ist eines von mehreren großen internationalen Kooperationsgremien, die seit Jahren versuchen, die genetischen Ursachen eben dieser komplex vererbten Epilepsien aufzuklären. Forscher des Epilepsiezentrums Frankfurt Rhein-Main sind darüber hinaus in weitere internationale Forschungsgruppen eingebunden, die zum Teil mit erheblichen Mitteln von der Europäischen Union gefördert wurden.
Publikation:
International League Against Epilepsy Consortium on Complex Epilepsies. Genome-wide mega-analysis identifies 16 loci and highlights diverse biological mechanisms in the common epilepsies. Nature Communications 2018 Dec 10;9:5269. doi: 10.1038/s41467-018-07524-z.
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