02. Dezember 2025
Eine internationale Studie aus 20 Ländern belegt: Fast jede dritte Patientin und jeder dritte Patient leidet vor einer Operation unter Blutarmut. Nun wurden erstmals die Ursachen der präoperativen Anämie systematisch erfasst. Aus den Erkenntnissen lässt sich ein frühzeitiges, umfassendes Anämie-Management ableiten, das die Patientensicherheit signifikant erhöht.
Blutarmut ist kein Randphänomen. Bei einer Anämie ist die Hämoglobinkonzentration im Blut reduziert, sodass die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) weniger Sauerstoff transportieren können. Die Folgen reichen von Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Kopfschmerzen bis zu Herz-Kreislauf-Beschwerden und erhöhen das Risiko für perioperative Komplikationen.
Die internationale, prospektive ALICE-Studie (The aetiology and prevalence of preoperative anaemia in patients undergoing major surgery) unter Leitung von Prof. Dr. Dr. Kai Zacharowski und Dr. Suma Choorapoikayil von der Universitätsmedizin Frankfurt sowie Prof. Dr. Patrick Meybohm, Universitätsklinikum Würzburg, zeigt: Mehr als 30 Prozent der Patienteninnen und Patienten, die sich größeren chirurgischen Eingriffen unterziehen, leiden unter Blutarmut – mit deutlichen Folgen für Sicherheit und Heilungsverlauf. Bisher wurden die Ursachen einer Anämie im chirurgischen Umfeld kaum systematisch untersucht – der Fokus lag in den vergangenen Jahrzehnten auf der alleinigen Therapie von Eisenmangelanämie. Mit der ALICE-Studie liegen nun erstmals umfassende Daten vor. Sie wurden kürzlich in The Lancet Global Health veröffentlicht.
Erstmals differenziertes Bild der Ursachen
„Die präoperative Anämie ist ein entscheidender Risikofaktor für Transfusionsbedarf, postoperative Komplikationen und Sterblichkeit“, erklärt Prof. Dr. Dr. Kai Zacharowski, Klinikdirektor der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie an der Universitätsmedizin Frankfurt. „Anämische Patientinnen und Patienten haben ein dreifach erhöhtes Transfusionsrisiko, eine 2,5-fach höhere Komplikationsrate und eine bis zu fünffach gesteigerte Mortalität.“
Die Untersuchung von mehr als 2.800 chirurgischen Patientinnen und Patienten aus 79 Krankenhäusern in 20 Ländernergab: Mehr als 55 Prozent der Anämien waren auf Eisenmangel zurückzuführen, aber auch andere Ursachen spielten eine Rolle: 14,5 Prozent der Studienteilnehmenden wiesen Folsäuremangel auf, 7,7 Prozent einen Vitamin-B12-Mangel und 8,7 Prozent eine chronische Nierenerkrankung. Damit liefert die Studie erstmals ein differenziertes Bild der Ursachen.
Ganzheitliches Screening für mehr Patientensicherheit
„Die Ergebnisse zeigen, dass präoperative Anämien häufig multifaktoriell bedingt sind und ein ganzheitliches Therapiekonzept erfordern“, erläutert Dr. Suma Choorapoikayil. „Die gute Nachricht: Viele Ursachen sind behandelbar. Ein präoperatives Screening sollte Eisenstatus, Vitamin-B12- und Folsäurespiegel sowie renale, also die Niere betreffende, Parameter einbeziehen, um zielgerichtete Interventionen zu ermöglichen und das Risiko für Komplikationen zu senken.“
Das sogenannte Patient Blood Management bietet hier einen bewährten Ansatz: Durch frühzeitige Diagnose und Therapie kann die Bildung neuer Erythrozyten gefördert, die Sauerstoffversorgung verbessert und die postoperative Genesungsphase verkürzt werden.
Datengrundlage für strukturierte Therapie
„Mit der ALICE-Studie liegt erstmals ein globales, datengestütztes Fundament vor, um die Relevanz des präoperativen Anämie-Screenings wissenschaftlich zu untermauern“, ergänzt Prof. Dr. Dr. Kai Zacharowski. „Ein strukturiertes Anämie-Management vor der Operation kann die Patientensicherheit erhöhen und Leben retten.“
Die ALICE-Studie zeigt klar, dass präoperative Anämie häufig, aber vermeidbar ist, und dass sie erheblichen Einfluss auf das operative Ergebnis hat. Eine frühzeitige Diagnostik und Therapie von Eisen-, Vitamin- und Folsäuremangel kann Komplikationen und Mortalität verringern, Bluttransfusionen vermeiden und die Patientensicherheit erhöhen.
Publikation:
Choorapoikayil, S., Baron, D.M., Spahn, D.R., Lasocki, S., Boryshchuk, D., Yeghiazaryan, L., Posch, M., Bisbe, E., Metnitz, P., Reichmayr, M., Zacharowski, K., Meybohm, P., the German Society of Anaestesiology and Intensive Care (GSAIC) Trials Group, SFAR research network, Supportive Anaesthesia Trainee-led Audit and Research Network (SATURN), and the ALICE study collaborators. The aetiology and prevalence of preoperative anaemia in patients undergoing major surgery (ALICE): an international, prospective, observational cohort study; The Lancet Global Health, December 2025. https://doi.org/10.1016/S2214-109X(25)00320-1
Für weitere Informationen:
Dr. Suma Choorapoikayil
Patient Blood Management
Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie
Universitätsmedizin Frankfurt
Telefon: +49 69 63 01 – 83 16 9
E-Mail: suma.choorapoikayil@unimedizin-ffm.de
Internet: www.unimedizin-ffm.de
www.patientbloodmanagement.de