06. Mai 2026
Was verrät eine Fliegenlarve über einen Toten? Antworten gibt die Frankfurter Rechtsmedizin als Teil des EU-geförderten Doktorandenprogramm NATURAL TRACES. Es hat sich auf die Analyse nicht-menschlicher biologischer Spuren in all ihren Fassetten spezialisiert. Das Ziel: Insekten, Pilze und Umwelt-DNA zur belastbaren Beweisquelle zu machen.
Die Rechtsmedizin Frankfurt koordiniert den internationalen Forschungs- und Ausbildungsverbund NATURAL TRACES, der Umweltspuren an Tatorten noch präziser und umfassender auswerten will. Das Projekt wird durch die Europäische Union im Rahmen der Marie Skłodowska-Curie Actions Doctoral Networks (MSCA-DN) mit ca. 2,5 Millionen Euro gefördert und bildet eine neue Generation spezialisierter Forensikerinnen und Forensikern aus.
NATURAL TRACES will insbesondere Umwelt-DNA (eDNA), nicht-menschliche biologische Spuren und umweltspezifische Mikrobiome als forensische Beweismittel etablieren. Mikroorganismen, Pilze, Pollen oder tierische Rückstände sind an nahezu jedem Tatort vorhanden und können entscheidende Hinweise liefern – etwa zur Rekonstruktion von Tatabläufen, Tat- und Fundorten von Leichen und Gegenständen sowie zur Verknüpfung von Personen und Orten.
Ihr forensischer Wert hängt jedoch maßgeblich davon ab, ob sie erkannt, korrekt gesichert, analysiert und wissenschaftlich valide interpretiert werden können. Genau hier setzt das Ausbildungs- und Forschungsprogramm mit insgesamt elf Doktorandinnen und Doktoranden an.
Analyse von Aas-Insekten in Frankfurt
Die Frankfurter Rechtsmedizin untersucht im Projekt Aas-Insekten, um den Todeszeitpunkt auch noch nach vielen Wochen und Monaten bestimmen zu können. „Wir erschließen mit diesen Ansätzen neue Informationsquellen am Tatort und tragen dazu bei, forensische Analysen in Europa nachhaltig auf ein neues Niveau zu heben – mit direkter Relevanz für die kriminalistische Praxis und die gerichtliche Verwertbarkeit biologischer Spuren“, betont Prof. Dr. Jens Amendt, Leiter der Forensischen Entomologie am Institut für Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Frankfurt.
Er und sein Team forschen an leeren Fliegenpuparien, also den Hüllen, in denen sich die Puppe zur erwachsenen Fliege entwickelt hat, und die über Jahre hinweg an Tatorten erhalten bleiben können. Durch die Kombination moderner Analysemethoden wie Gaschromatographie–Massenspektrometrie (GC-MS) und Fourier-Transformations-Infrarotspektroskopie (FT-IR) mit Verfahren des maschinellen Lernens sollen neue Vorhersagemodelle entstehen. Diese ermöglichen eine präzisere Bestimmung von Art und Alter der Spuren und tragen dazu bei, Todeszeitpunkte auch Monate oder sogar Jahre rückwirkend einzugrenzen.
Internationales Netzwerk
Im Zentrum von NATURAL TRACES steht der Aufbau eines internationalen und sektorübergreifenden Netzwerks, das Universitäten, forensische Labore, Polizeibehörden, private Unternehmen und taphonomische Forschungseinrichtungen, also Einrichtungen, die sich mit Leichenverwesung beschäftigen, miteinander verbindet. Insgesamt werden zehn Doktorandinnen und Doktoranden in acht Ländern – Argentinien, Deutschland, Estland, Italien, Portugal, Spanien, Ungarn und der Tschechischen Republik – ausgebildet; eine zusätzliche Stelle wird von der Universität Reading (UK) finanziert. Das Programm hat eine Laufzeit bis 2028.
„Die Analyse naturkundlicher Spuren wird hier am Institut für Rechtsmedizin schon lange durchgeführt“, so Prof. Dr. Marcel Verhoff, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Universitätsmedizin Frankfurt. „Wir forschen vor allem an nekrophagen Insekten und Kieselalgen, um Todeszeit und Todesursache eingrenzen zu können. Aber auch andere forensische Fragestellungen wie die Verlagerung eines Leichnams oder die Verknüpfung von Tatverdächtigem und Tatort sind von uns schon mit Hilfe solcher Spuren beantwortet worden. Die Leitung und Koordination dieses Doktoranden-Netzwerks ist also letztlich die logische Weiterentwicklung und Auszeichnung unserer erfolgreichen Arbeit auf nationaler und europäischer Ebene.“
Die beteiligten Universitäten bringen komplementäre Expertisen ein: Entwicklung genetischer Marker und Sequenzierungstechnologien (Budapest), mikrobiombasierte geografische Zuordnungen (Potsdam), die Analyse von Pilz-Sukzessionen auf Leichnamen (Genua), forensische Pollenanalysen (Modena), statistische Bewertungs- und Darstellungsmethoden für Gerichtsverfahren (Madrid) sowie eDNA-Analysen aus Luft- und Wasserproben (Prag, Tallinn, San Juan), bioinformatische und KI-gestützte Auswertungsmethoden (Porto) sowie Untersuchungen zu Milben als forensische Indikatoren an vergrabenen Leichen (Reading).
Europa im internationalen Wettbewerb stärken
Im internationalen Vergleich besteht in Europa ein deutlicher Nachholbedarf bei strukturierten Promotionsprogrammen im Bereich der angewandten Forensik. Während Länder wie die USA, Australien oder zunehmend auch China gezielt in diesen Bereich investieren, leistet NATURAL TRACES einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der europäischen Forschungslandschaft und zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit: ein einzigartiges Ausbildungs- und Forschungsnetzwerk, das innovative wissenschaftliche Methoden mit praktischer Anwendung verbindet.
Bildmaterial:
Doktorandinnen und Doktoranden des internationalen Forschungskonsortiums NATURAL TRACES sind bereit für den Einsatz an einem simulierten Tatort.
Download unter: https://www.unimedizin-ffm.de/pressefotos
Der Abdruck des Fotos ist kostenfrei (Foto: Gudor Szilárd).
Für weitere Informationen:
Dr. Ildikó Szelecz
Institut für Rechtsmedizin
Forensische Biologie/Entomologie
Universitätsmedizin Frankfurt
Telefon: +49 177 60 00 75 9
E-Mail: i.szelecz@med.uni-frankfurt.de
Internet: www.unimedizin-ffm.de