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Weihnachten auf der COVID-19-Intensivstation

Dezember 23, 2020

Seit vielen Wochen werden zahlreiche COVID-19-Patientinnen und -Patienten auf der zentralen Intensivstation des Universitätsklinikum Frankfurt behandelt – die Weihnachtsfeiertage machen dabei keine Ausnahme. Thorsten Bertok ist seit neun Jahren Pflegedienstgruppenleiter auf der Intensivstation des Universitätsklinikum Frankfurt. Im Interview gibt er einen Einblick in die Arbeit mit schwerstkranken COVID-19-Patienten in der aktuellen Lage.

HINWEIS FÜR DIE REDAKTIONEN: Eine aktuelle Fotoserie aus der Intensivstation ist auf Anfrage zu dieser Pressemitteilung verfügbar. Kontakt: christoph.lunkenheimer@unimedizin-ffm.de

Seit dem Frühjahr sind Sie auf der Intensivstation des UKF mit der Behandlung von COVID-19-Patientinnen und -Patienten beschäftigt. Wie hat das Ihren Arbeitsalltag verändert?

Bertok: Für uns alle auf der Station, sowohl für die jüngeren Kolleginnen und Kollegen als auch für die alten Hasen, gab es im Frühjahr eine absolute Zäsur. Natürlich hatten wir schon vor der COVID-19-Pandemie mit Krankheiten zu tun, bei der die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter spezielle Schutzmaßnahmen anwenden müssen. Das ist unser Tagesgeschäft, damit kennen wir uns aus. Die neue Erkrankung COVID-19 sorgte im Frühjahr bei vielen Kollegen aber erst einmal für Unsicherheit. Das hat sich dann relativ schnell gelegt. Die Mitarbeiter zeigten sogar eine gewisse Euphorie, sich der immensen Herausforderung zu stellen. Natürlich wussten wir, dass wir nur mit großem Einsatz und Engagement Erfolg haben würden. Aber bei der ersten Welle war es noch gar kein Problem, Löcher im Dienstplan zu stopfen und Mitarbeiter dafür zu gewinnen, zusätzliche Dienste zu übernehmen oder Urlaub zu verschieben. Ich glaube, dass in der gesamten Gesellschaft ein „Spirit“ entstanden war. Die Leute haben verstanden, was los ist, und dass sie sich jetzt eine Zeit lang einschränken müssen. Viele Menschen kamen auch zu der Erkenntnis, dass viele Dinge, die den Alltag erleichtern, eben nicht selbstverständlich sind. Bald wird wieder alles gut, war die allgemeine Ansicht.

Was hat sich im Herbst und Winter mit der zweiten Pandemiewelle verändert?

Bertok: Im Frühjahr konnten wir bei den COVID-19-Patienten gute Behandlungserfolge erzielen. Die klassischen Ischgl-Heimkehrer waren ja überwiegend junge, gesunde Menschen, von denen die meisten die Krankheit gut weggesteckt haben. Jetzt hat sich unsere Klientel geändert. Viele Patienten sind deutlich älter und somit vulnerabler und natürlich versterben auch einige von Ihnen. Im Universitätsklinikum Frankfurt haben wir jetzt die schweren Fälle. Das ist okay, weil wir ja dafür ausgerüstet sind, aber dieses Bewusstsein macht den Pflegenden auf der Intensivstation zu schaffen – und natürlich die Frage, was passieren würde, wenn die Kapazitäten für Intensivpatienten erschöpft sein sollten. Diese Erlebnisse und Gedanken gehen nicht spurlos an der Psyche vorüber. Die Mitarbeiter sind zunehmend müde und erschöpft. Außerdem nicht zu vergessen: Die Arbeit unter der Maske und mit Schutzausrüstung ist extrem harte körperliche Arbeit. Wenn Patienten künstlich beatmet werden, müssen sie alle acht bis zwölf Stunden umgelagert werden. Das klingt im ersten Moment einfach. Wenn man sich die Prozedur anschaut, weiß man aber, wie schwer es ist, einen völlig schlaffen Patienten beispielsweise auf den Bauch zu drehen. Die Behandlung bindet enorm viele Ressourcen an Pflegekräften und Ärzten.

Die physische und psychische Belastung und die Arbeitsauslastung der Mitarbeiter sind also noch einmal gestiegen?

Bertok: Absolut. Mit der steigenden Zahl von COVID-19-Infizierten haben natürlich auch die Mitarbeiter häufiger Kontakte zu dieser Gruppe. Mehr Kollegen als im Frühjahr gehen in Quarantäne oder sind selbst SARS-CoV-2-positiv. Gott sei Dank hatten wir auf der Station bislang noch keinen ernsthaft Erkrankten aus den eigenen Reihen. Das ist der Albtraum aller Mitarbeiter: Dass sie eines Tages zum Dienst kommen, und einen Kollegen vorfinden, der selbst intensivmedizinische Hilfe benötigt.

Wie groß ist die Sorge, sich bei der Arbeit zu infizieren?

Bertok: Für die Mitarbeiter, mit denen ich gesprochen habe, ist das keine vorrangige Sorge. Es herrscht zurzeit kein Mangel an persönlicher Schutzausrüstung, wir fühlen uns gut geschützt und haben auch den Eindruck, dass die Logistik in unserem Haus alles dafür tut, dass wir gut versorgt sind. Nein, wir machen uns keine Sorgen über eine Ansteckung bei der Arbeit. Wir machen uns eher Sorgen darüber, ob die Gesellschaft realisiert, was in den Krankenhäusern momentan passiert. Ich habe den Eindruck, dass das nicht der Fall ist. Es sind offenbar zwei verschiedene Welten. Wenn man acht oder zehn Stunden im Universitätsklinikum gearbeitet hat und dann rausgeht, fühlt man sich wie im „Matrix“-Film. Man muss kurz überlegen, was eigentlich real ist. Draußen sieht es vielfach so aus, als wäre nichts geschehen. Besonders, wenn man die vollen Innenstädte sieht. Viele Menschen denken offenbar, die Pandemie hat nur mit den anderen zu tun, das betrifft sie nicht. Gott sei Dank gibt es auch genügend positive Beispiele von Menschen, die sich an die Hygieneregeln halten.

Fürchten Sie, dass die Kraftanstrengung Ihres Berufsstandes nach der Pandemie wieder vergessen sein wird?

Bertok: Ich denke, es ist wichtig, die Situation und die Arbeitsbedingungen der Klinikumsmitarbeiter mehr in den Mittelpunkt zu rücken, um ein Bewusstsein für die Lage zu schaffen. Die Nachrichtensendungen im Fernsehen bringen fast jeden Tag die Börsennews, aber für den Blick hinter die Kulissen der Krankenhäuser hat man keine 15 Sekunden Zeit. Ich glaube, dass persönliche Einblicke viel einprägsamer sind als die täglichen statistischen Zahlen des Robert-Koch-Instituts, die natürlich auch wichtig sind. Es geht doch um die Gesundheit jedes Einzelnen! Das Gesundheitssystem sollte uns alle interessieren, weil letztendlich fast jede und jeder damit zu tun bekommt. Fachkräftemangel in der Pflege ist ja nicht erst seit COVID-19 ein Thema, aber man ist damit in den Medien kaum durchgedrungen. Deshalb sehe ich es jetzt ein Stück weit als Chance, den Fokus darauf zu lenken und das Bewusstsein für unsere Situation zu wecken. Es ist meine große Hoffnung, dass sich im neuen Jahr nicht nur mit COVID-19 alles zum Besseren wendet, sondern dass es auch ein Umdenken in unserer Gesellschaft gibt, wie man mit Pflegekräften umgeht, und was man ihnen abverlangt. Dabei reden wir nicht von einer Arbeit, bei der Milch und Honig fließen, denn es ist und bleibt ein harter Job. Aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen, damit sich junge Menschen für den Pflegeberuf begeistern. Da ist natürlich auch Geld ein Thema, aber noch wichtiger ist aus meiner Sicht die Anerkennung für die Leistungen. 

Jetzt steht Weihnachten vor der Tür. Sind die Feiertage für die Arbeit auf der Intensivstation relevant?

Bertok: Eigentlich nicht. Einige von uns arbeiten an Weihnachten. Das ist in jedem Jahr so und darüber stöhnt keiner. Das ist unser Job. Die offiziellen Kontaktbeschränkungen machen den Kollegen natürlich zu schaffen. Wie alle anderen dürfen sie Weihnachten in der Familie nicht wie gewohnt feiern. Wir hoffen, dass es hier auf der Intensivstation ein Fest ohne Überraschungen wird. Die erste Pandemiewelle hat gezeigt, dass sich die Situation von jetzt auf gleich ändern kann. Für den Moment sind wir hier gut aufgestellt.

Wie ist ihr Blick in die nähere Zukunft?

Bertok: Wir sind immer Zweckoptimisten, das müssen wir ja sein. Wir rechnen schon damit, dass es sich noch mindestens bis ins Frühjahr zieht. Dann hilft hoffentlich auch das Wetter, wenn es wärmer wird und die Sonne länger scheint. Im Moment ist es natürlich nicht förderlich, dass man im kalten und regnerischen Wetter drin sitz. Letztendlich hofft man aufs nächste Jahr, dass es in irgendeiner Form aufwärtsgeht.

 

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