26. Oktober 2026
Die Universitätsmedizin Frankfurt bündelt Kardiologie, Humangenetik und spezialisierte Kardiogenetik, um erbliche Herz- und Gefäßerkrankungen frühzeitig zu erkennen und Betroffene sowie ihre Familien noch besser unterstützen zu können.
Genetische Faktoren können das Risiko für Herz- und Gefäßerkrankungen wesentlich beeinflussen. Werden entsprechende Veränderungen frühzeitig erkannt, lassen sich Erkrankungsrisiken besser einschätzen und entsprechende Maßnahmen individuell abstimmen. Das neu gegründete Zentrum für genetische Herz- und Gefäßmedizin an der Universitätsmedizin Frankfurt verbindet dafür die Expertise aus Kardiologie, Humangenetik und spezialisierter Kardiogenetik. Es bietet Patientinnen und Patienten eine interdisziplinäre Betreuung von der klinischen Untersuchung und genetischen Diagnostik bis zur Beratung, Prävention und Therapie. Auch die familiären Risiken werden dabei berücksichtigt. Offiziell eröffnet wurde das Zentrum im Rahmen des Symposiums „Frankfurt Cardiomyopathies“ am 24. Oktober 2026.
Erbliche Erkrankungen frühzeitig identifizieren
Zu den genetisch bedingten kardiovaskulären Erkrankungen zählt ein weites Spektrum von Herzmuskelerkrankungen, sogenannte Kardiomyopathien, erblichen Gefäßerkrankungen und Fettstoffwechselstörungen wie die familiäre Hypercholesterinämie. Von der familiären Hypercholesterinämie ist etwa einer von 250 bis 300 Menschen betroffen. Bei dieser angeborenen Fettstoffwechselstörung kann der Körper das LDL-Cholesterin, häufig als „schlechtes“ Cholesterin bezeichnet, nicht ausreichend aus dem Blut entfernen. Dadurch steigt das Risiko für Herzinfarkt und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, oft schon in jungen Jahren. Die häufigste erbliche Herzmuskelerkrankung, die hypertrophe Kardiomyopathie, betrifft etwa einen von 500 Erwachsenen. Dabei verdickt sich der Herzmuskel übermäßig. Das kann unter anderem zu Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen führen und einen plötzlichen Herztod begünstigen.
Beide Erkrankungen können familiär gehäuft auftreten. Je nach Erkrankung und genetischem Befund tragen oft auch nahe Angehörige ein erhöhtes Risiko. Bei bestimmten erblichen Erkrankungen liegt die Wahrscheinlichkeit, eine entsprechende genetische Veranlagung zu erben, bei bis zu 50 Prozent. Eine frühzeitige Abklärung kann deshalb nicht nur für die unmittelbar betroffene Person, sondern auch für ihre Familie lebenswichtig sein.
Genetische Erkenntnisse für gezielte Vorsorge nutzen
„Die aktuellen Behandlungskonzepte bei erblich bedingten kardiovaskulären Erkrankungen orientieren sich häufig am Genotyp, also daran, welche genetischen Grundlagen die Erkrankung und deren Ausprägung bestimmen“, erklärt PD Dr. Maria Papathanasiou, die den Bereich Herzmuskelerkrankungen am Universitären Herz- und Gefäßzentrum leitet. „Nur eine gezielte genetische Diagnostik ermöglicht es, Patientinnen und Patienten individuell zu behandeln – hier sprechen wir heute von kardiovaskulärer Präzisionsmedizin, ein Prinzip, das in der Krebstherapie und bei Autoimmunerkrankungen längst etabliert ist.“
Genetische Diagnostik und Familienscreening – Risiken frühzeitig erkennen
Das Dr. Senckenbergische Institut für Humangenetik an der Universitätsmedizin Frankfurt wurde vor zwei Jahren neu gegründet. Die genetische Diagnostik wird vor Ort mittels modernster Methodik als Gen-Panel oder Gesamt-Genom-Sequenzierung durchgeführt. In der genetischen Sprechstunde werden Patientinnen und Patienten über die Ergebnisse der Diagnostik aufgeklärt.
„Wir besprechen mit unseren Patientinnen und Patienten, was der individuelle genetische Befund für sie bedeutet, welche Prognose sich ableiten lässt, ob eine spezifische Therapie zur Verfügung steht und wie die genetische Veränderung vererbt wird“, sagt Prof. Dr. Dr. Birgit Zirn, die das Dr. Senckenbergische Institut für Humangenetik leitet. „Dies kann für die Familienplanung und Abklärung bei Familienangehörigen von Bedeutung sein. Die Humangenetik ist somit ein wichtiger Baustein in der interdisziplinären Betreuung von Patientinnen und Patienten mit erblich bedingten Herz- und Gefäßerkrankungen.“
Das Zentrum für plötzlichen Herztod und Kardiogenetik verfügt über langjährige Erfahrung in der Diagnostik seltener und komplexer erblicher Herzerkrankungen und betreut in seiner spezialisierten kardiogenetischen Sprechstunde betroffene Patientinnen und Patienten sowie deren Familien. Das Spektrum umfasst auch die genetische Abklärung nach ungeklärtem Herz-Kreislauf-Stillstand oder plötzlichem Herztod in jungen Jahren.
„Bei Verdacht auf eine erbliche Herzerkrankung ist es wichtig, die klinischen Befunde im Zusammenhang mit der Familiengeschichte zu betrachten, das schließt auch plötzlich am Herztod verstorbene Patientinnen und Patienten mit ein. Die genetische Diagnostik kann auch in diesen Fällen dazu beitragen, die Ursache einer Erkrankung zu klären und weitere gefährdete Familienmitglieder zu identifizieren“, erklärt Prof. Dr. Silke Kauferstein, Professorin für Kardiogenetik und Leiterin des Zentrums für plötzlichen Herztod und Kardiogenetik am Institut für Rechtsmedizin an der Universitätsmedizin Frankfurt.
Drei Einrichtungen, ein Ziel in Krankenversorgung und Forschung
Das Zentrum ist eine gemeinsame Einrichtung des Universitären Herz- und Gefäßzentrums, des Dr. Senckenbergischen Instituts für Humangenetik sowie des Zentrums für plötzlichen Herztod und Kardiogenetik am Institut für Rechtsmedizin. „Durch die enge Zusammenarbeit in einem wöchentlichen ,Kardiogenetik-Board‘ werden die verschiedenen Aspekte einer möglichen erblichen Erkrankung gemeinsam beurteilt. In enger Zusammenarbeit mit Hausärztinnen und niedergelassenen Kardiologen kann eine umfassende Versorgung aus einer Hand gewährleistet werden“, so Prof. Dr. David Leistner, Direktor der Medizinischen Klinik 3: Kardiologie, Angiologie. „Zudem können wir in dem Zentrum wissenschaftliche Erkenntnisse für eine zunehmend individualisierte Versorgung nutzbar machen und die Möglichkeiten zur Früherkennung und Behandlung genetisch bedingter Herz- und Gefäßerkrankungen weiterentwickeln.“
Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie empfiehlt, Menschen mit erblichen Herz- und Gefäßerkrankungen in spezialisierten, interdisziplinären Zentren zu betreuen. Das neue Zentrum an der Universitätsmedizin Frankfurt greift diesen Ansatz auf – als eines der ersten dieser Art in Deutschland. Es bündelt die erforderlichen Fachdisziplinen und schafft eine zentrale Anlaufstelle für die medizinische Betreuung von Betroffenen und die Abklärung familiärer Risiken.
Bildmaterial:
Bei den „Frankfurt Cardiomyopathies“ wurde das Zentrum für genetische Herz- und Gefäßmedizin am 24. Oktober 2026 offiziell eröffnet.
Download unter: https://www.unimedizin-ffm.de/pressefotos
Der Abdruck der Fotos ist kostenfrei (Fotos: Tim Wegner).
Für weitere Informationen:
PD Dr. Maria Papathanasiou
Oberärztin
Bereichsleitung Herzinsuffizienz
Medizinische Klinik 3: Kardiologie, Angiologie
Universitätsmedizin Frankfurt
Telefon: +49 69 63 01 – 66 66
E-Mail: papathanasiou@med.uni-frankfurt.de
Internet: https://herz-frankfurt.de