Die Universitätsmedizin Frankfurt hat zwei Führungspositionen neu besetzt. Prof. Sandra Ciesek übernimmt die Leitung des Instituts für Medizinische Virologie. Prof. Maria Vehreschild ist die neue Leiterin für den Schwerpunkt Infektiologie in der Medizinischen Klinik 2.
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Die Zahl der Fernreisenden nimmt weltweit stetig zu. Im Gepäck sind immer öfter auch Krankheitserreger aus exotischen Ländern. Gerade in einer Stadt wie Frankfurt, von deren Flughafen die meisten Ziele weltweit angeflogen werden, ist daher ein professioneller Umgang mit Infektionskrankheiten von größter Wichtigkeit. Das Universitätsklinikum Frankfurt hat kürzlich zwei ausgewiesene Expertinnen für dieses Thema gewinnen können: Prof. Sandra Ciesek ist die neue Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie. Prof. Maria Vehreschild leitet den Schwerpunkt Infektiologie in der Medizinischen Klinik 2. Gemeinsam mit Prof. Volkhard Kempf aus dem Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene wollen sie sich unter anderem der Bekämpfung von eingeschleppten Erregern widmen. Aber auch die infektiologische Betreuung von Krankenhauspatienten mit geschwächtem Immunsystem steht im Fokus.
National wie international anerkannte wissenschaftliche Exzellenz
„Mit zunehmender Globalisierung gewinnt die Bekämpfung von multiresistenten Keimen und anderen Krankheitserregern stetig an Bedeutung. Wir freuen uns sehr, dass wir mit Frau Prof. Vehreschild eine national wie international anerkannte Expertin für unsere Infektiologie gewinnen konnten. Sie zeichnet sich auch aus durch die intensive Arbeit in der Infektionsprävention im Krankenhauskontext. Diesen Fokus auf die Sicherheit unserer Patientinnen und Patienten teilen wir seit jeher“, erklärt Prof. Jürgen Graf, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Frankfurt. Prof. Josef Pfeilschifter, Dekan des Fachbereichs Medizin der Goethe-Universität, ergänzt: „Mit Frau Prof. Ciesek hat überdies eine exzellente Wissenschaftlerin die Leitung der Virologie übernommen. Ihre Forschung zur Hepatitis und anderen verbreiteten Viruserkrankungen passt wunderbar in die wissenschaftlichen Schwerpunkte der Universitätsmedizin Frankfurt – beispielsweise die translationale Arzneimittelforschung. Und auch in der Ausbildung der Studierenden und Fachärzte ist sie überaus engagiert.“
Infektionsmedizin stärken
Auf eine enge Kooperation ihrer Abteilungen legen beide Expertinnen großen Wert. Im Rahmen des 2016 gegründeten und von Prof. Kempf geleiteten Universitären Centrums für Infektionskrankheiten (UCI) wollen Prof. Ciesek und Prof. Vehreschild die gesamte Infektionsmedizin in Frankfurt weiter stärken. So sollen unter anderem gemeinsame Curricula für die Weiterbildung von Ärzten und Studierenden etabliert werden. Auch eine spezielle Ausbildung für sogenannte Physician Scientists ist vorgesehen, also Wissenschaftler, die gleichwertig in der Patientenbetreuung oder Diagnostik sowie in der Forschung tätig sind.
Gefährdete Reiserückkehrer intensiv betreuen – mit neuer Impfambulanz
Ein thematischer Schnittpunkt von Virologie und Infektiologie findet sich in der Betreuung von erkrankten Reiserückkehrern. So ist bei einem Patienten, der mit Fieber von einer Fernreise zurückkehrt, zunächst oft nicht klar, ob es sich beim Krankheitserreger um einen Keim oder Virus handelt. Für diese Fälle wollen Prof. Ciesek und Prof. Vehreschild gemeinsam Analysen entwickeln, die es ermöglichen, bei Betroffenen schnell eine Diagnose zu treffen. „Um Reisende vor verschiedenen Infektionskrankheiten zu schützen, ist jedoch vor allem auch die Prävention entscheidend“, erklärt Prof. Ciesek. „Daher wollen wir eine gemeinsame Impfambulanz aller infektionsmedizinischen Bereiche für Reisende und Reiserückkehrer am Universitätsklinikum aufbauen.“
Krebspatienten schützen
Auch in der stationären Behandlung trägt eine enge Kooperation von Virologie und Infektiologie wesentlich zur Patientensicherheit bei. Prof. Vehreschild ergänzt: „Infektionen lauern nicht nur in fernen Ländern. Die Therapien vieler schwerwiegender Erkrankungen wie Krebs erfordern oft eine Unterdrückung des Immunsystems. Auch bei Transplantationen ist die sogenannte Immunsuppression notwendig. Betroffene sind dadurch besonders anfällig für Krankheitserreger.“ Oft tragen Patienten die verursachenden Mikroorganismen schon lange in sich. Wie man verhindern kann, dass sie im Rahmen einer Immunsuppression reaktiviert werden, wollen Prof. Ciesek und Prof. Vehreschild gemeinsam erforschen. Dabei interessieren sie sich besonders dafür, wie die den Menschen kolonisierenden Erreger das Immunsystem modulieren und so zum Infektionsschutz beitragen können. Daraus erhoffen sich die Expertinnen, Hinweise für Therapie und Prävention ableiten zu können.
Neue Direktorin der Virologie: Viruserkrankungen nachhaltig eindämmen Weltweit sind circa 500 Millionen Menschen mit Hepatitis B, C oder HIV infiziert. An diesen, wie auch an anderen Viruserkrankungen sterben jährlich mehrere Millionen Menschen. Allein in den letzten zehn Jahren hat die Weltgesundheitsorganisation WHO mehrfach wegen verschiedener Viruserkrankungen den internationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen – zuletzt 2016 wegen des Zikavirus. Spezielle antivirale Medikamente stehen für viele Viruserkrankungen nicht zur Verfügung.
Die klinische Virologie als eigenes Fach ist jedoch noch vergleichsweise jung. Die neue Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie Prof. Sandra Ciesek möchte die virologische Forschung von Frankfurt aus entscheidend voranbringen – vor allem mit Fokus auf neue Angriffspunkte für antivirale Medikamente sowie im Bereich der translationalen Forschung. Sie ist seit dem 1. Mai dieses Jahres im Amt. Zuvor hatte sie eine Universitätsprofessur für Virologie an der Universität Duisburg-Essen inne.
Virologische Forschung
Viren können sich schnell verändern und ihre Gefährlichkeit dadurch drastisch erhöhen. Gleichzeitig gibt es nur für ganz wenige Viruserkrankungen wirksame Medikamente. Entsprechend den wissenschaftlichen Schwerpunkten der Universitätsmedizin Frankfurt will Prof. Ciesek ein wissenschaftlich aktives und international anerkanntes Institut im Bereich der Virusforschung etablieren und den Schwerpunkt Arzneimittelforschung sowie den Entwicklungsbereich Infektiologie des Fachbereichs Medizin stärken und ausbauen. Besonders wichtig ist ihr die Verbindung von Grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung.
Der Schwerpunkt von Prof. Ciesek selbst liegt in der Erforschung der Hepatitisviren, insbesondere der Hepatitis C und D sowie anderer Flaviviren. Die langjährige Auseinandersetzung mit dieser Thematik begann bereits mit ihrer Promotion zur Hepatitis-C-Virusinfektion, die mit dem Promotionspreis der Medizinischen Hochschule Hannover und dem Preis für die beste Dissertation von der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen (DGVS) ausgezeichnet wurde. Aktuell interessiert sie sich vor allem für Wirtsfaktoren, die verschiedene Viren für ihre Replikation nutzen, um daraus neue antivirale Angriffspunkte zu identifizieren.
Vernetzung stärken
Strukturell möchte Prof. Ciesek die Kooperation ihres Instituts mit den anderen Einrichtungen des Universitätsklinikums weiter intensivieren, aber auch die regionalen, nationalen und internationalen Zuweiserstrukturen stärken. Grundlage der Patientenbetreuung bleibt eine virologische Diagnostik und Therapieberatung auf höchstem akademischen Niveau.
Um aktuellen gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Herausforderungen wie unter anderem dem Nachwuchsmangel im Fach zu begegnen, will Prof. Ciesek neue, flexiblere Wege in der Aus-, Fort- und Weiterbildung gehen. Gerade jungen Eltern soll es besser möglich sein, die Weiterbildung zum Facharzt abzuschließen und eine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere zu beginnen.
Prof. Sandra Ciesek – Vita
Prof. Ciesek selbst begann ihr medizinisches Studium 1997 an der Universität Göttingen. Die Promotion folgte 2004 an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), wo sie sich 2011 auch habilitierte. Zeitgleich absolvierte sie ihre Facharztausbildung in der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie an der MHH. Ihre Tätigkeit in der Abteilung für Experimentelle Virologie des Twincore, einer gemeinsamen Einrichtung der MHH und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung, wurde von 2009 bis 2012 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Ab 2011 war Prof. Ciesek Leiterin der Arbeitsgruppe Virale Hepatitis an der MHH. 2016 wurde sie zunächst zur außerplanmäßigen, dann zur W2-Universitätsprofessorin in Hannover beziehungsweise Essen ernannt und übernahm die stellvertretende Leitung des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Essen. Sie ist Fachärztin für Innere Medizin und Gastroenterologie sowie für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie und hält einen Master of Health Business Administration. Ihre Forschung wird unter anderem vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) gefördert.
Prof. Ciesek wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Martin-Gülzow-Preis der DGVS und dem Präventionspreis der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Prof. Ciesek ist Mitglied zahlreicher Leitliniengruppen sowie mehrerer nationaler und internationaler Fachgesellschaften und Gutachterin für verschiedene Fachzeitschriften. Die 41-Jährige ist verheiratet und Mutter einer Tochter.
Neue Leiterin der Infektiologie: Expertin für multiresistente bakterielle Infektionen
Ende 2018 hat Prof. Maria J.G.T. Vehreschild die Leitung des Schwerpunkts Infektiologie in der Medizinischen Klinik 2 übernommen. Sie war zuvor als Oberärztin und Leiterin der AG Klinische Mikrobiomforschung an der Uniklinik Köln tätig. Ihre Ziele für Frankfurt: individuelle Patientenbehandlung nach modernsten Verfahren, die Stärkung des Standorts als international sichtbares wissenschaftliches Zentrum für klinische Infektiologie und die Optimierung der infektiologischen Weiter- und Fortbildung in Kooperation mit der Virologie, Mikrobiologie und Hygiene.
Infektionen im Krankenhaus bekämpfen und verhindern
Prof. Vehreschild verfügt über eine große Expertise in der Therapie von Infektionen bei Patienten, deren Immunsystem beispielsweise aufgrund einer Chemotherapie geschwächt ist. Diese Patienten haben ein hohes Risiko, an sogenannten endogen bedingten Infektionen zu erkranken. Insbesondere unsere Mikrobiota, das heißt die Organismen, die den Menschen kolonisieren und verschiedene Funktionen in der Aufrechterhaltung der Körperfunktionen erfüllen, spielen hier eine besondere Rolle. Während früher hauptsächlich die Sorge bestand, durch zu niedrig dosierte oder zu kurze Therapien resistente Klone eines zu behandelnden Krankheitserregers zu amplifizieren, stellt sich heute mehr und mehr die Selektion einer resistenten Bakterienpopulation außerhalb des angestrebten Behandlungsgebietes als wesentlicher unerwünschter Effekt von Antibiotikatherapien heraus. Eben diese Bakterien können bei Hinzutreten bestimmter Faktoren zu Auslösern endogen bedingter Infektionen werden.
Während die infektionsmedizinische Forschung zur Bekämpfung der Resistenzproblematik sich in der Vergangenheit sehr stark auf die Identifizierung und Entwicklung neuer Antibiotika konzentriert hat, legt Prof. Vehreschild daher einen Fokus auf die Entwicklung alternativer antiinfektiver Strategien.
Zu diesen Strategien zählt das sogenannte antimikrobielle Stewardship, über das die Verordnungsqualität von Antibiotika in Bezug auf Auswahl, Dosierung, Applikationsweg und Therapiedauer verbessert werden und damit der Selektionsdruck vermindert werden soll. Ebenso wichtig ist das Verständnis von Faktoren, die die Kolonisationsresistenz gegenüber potentiellen Infektionserregern regulieren. Entstehen zum Beispiel durch den Einsatz von Antibiotika Nischen in der Darmmikrobiota, können potentielle Krankheitserreger sich besonders gut ansiedeln. Die kontrollierte Besiedelung dieser Nischen mit Bakterien, die günstig für den menschlichen Organismus sind, kann die Kolonisationsresistenz wiederherstellen.
Mikrobiota-basierte Therapien
Um entsprechende Therapien auch klinisch einsetzen zu können, hat Prof Vehreschild die aktuell größte und aktivste Stuhlbank in Deutschland gegründet, um Patienten sichere und wirksame Mikrobiotatransfer-Präparate zur Verfügung stellen zu können. Die Therapien werden über das ebenfalls von ihr koordinierte Microtrans-Register dokumentiert und ausgewertet. Momentan befinden sich für die Mikrobiotatransfer-Präparate entsprechende Zulassungsstudien in der Vorbereitung.
Ein weiterer Fokus ihrer Arbeit betrifft die Interaktion zwischen der Mikrobiota und dem Immunsystem. In diesem Kontext ist sie besonders interessiert an der Identifizierung von Bakterien, die die menschliche Immunantwort regulieren können. Ein Verständnis dieser Interaktion kann weitreichende Folgen für die Therapie von Infektionen, Autoimmunerkrankungen und Krebs haben.
Prof. Maria J.G.T. Vehreschild – Vita
Den Entschluss, ihren späteren Tätigkeitsschwerpunkt auf die Infektiologie zu legen, fällte Prof. Vehreschild schon während ihres Studiums an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Ihr praktisches Jahr absolvierte sie in den Universitätskliniken in Belo Horizonte und Sao Paulo, Brasilien, und wechselte nach ihrem Abschluss für die Weiterbildung zur Internistin an die Uniklinik Köln. Dort erwarb sie innerhalb der folgenden elf Jahre den Facharzt für Innere Medizin, den Facharzt für Hämatologie und Onkologie sowie die Zusatzbezeichnung für Infektiologie der Ärztekammer und der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. Ihre Habilitation erfolgte 2013 zur Frage, welche Prophylaxen für die Vermeidung von invasiven Pilzinfektionen bei schwerst immunsupprimierten Patienten eingesetzt werden sollten. Im selben Jahr übernahm sie die stellvertretende Leitung des Studienzentrums II für Infektiologie. Im Jahr 2015 gründete sie mit der AG Klinische Mikrobiomforschung ihre eigene Arbeitsgruppe. Neben zahlreichen anderen Förderungen erhielt sie zuletzt Unterstützung durch das EU-Programm COMBACTE-NET (Combatting Bacterial Resistance in Europe) und das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF).
Prof. Vehreschild ist Mitglied zahlreicher Leitliniengruppen, Leiterin des Forschungsschwerpunktes für multiresistente, im Krankenhaus erworbene Infektionen im DZIF sowie Mitglied des Beirates der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie und der Arbeitsgemeinschaft Infektionen in der Hämatologie und Onkologie (AGIHO) als Fachgruppe der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO). 2018 gründete sie gemeinsam mit Kollegen ihres Forschungsbereiches die ESCMID Study Group for host and microbiota interaction – ESGHAMI innerhalb der European Society of Clinical Microbiology and Infectious Diseases. Die 39-Jährige ist verheiratet und Mutter zweier Kinder.
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