Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie
Schwer zu behandelnde Depressionen (93-2)
Esketamininfusionstherapie
Ketamin, ein hochaffiner nicht-kompetitiver Antagonist am glutamatergen N-methyl-D-aspartate (NMDA-) Rezeptor, gelangte durch die im Jahr 2000 veröffentlichte erste placebokontrollierte, doppelblinde klinische Studie von Berman und Kollegen als interessante, neue Behandlungsoption für therapieresistente depressive Patienten in den Fokus klinischer Anwendung und neurobiologisch-psychiatrischer Forschung. Ketamin blockiert den N-Methyl-D-Aspartat (NMDA)-Rezeptor, der eine von mehreren Zielstrukturen des Transmitterstoffs Glutamat darstellt, und verändert so die glutamaterge Signalübertragung, wobei es unter anderem zur verstärkten Aktivierung von post-synaptischen AMPA-Rezeptoren kommt. Über verschiedene intrazelluläre Mechanismen (Aktivierung postsynaptischer AMPA-Rezeptoren sowie mGluR Subtypen und die Beteiligung der mTOR vermittelten Signaltransduktion) kommt es überdies zu einer erhöhten Freisetzung des Proteins „Brain-derived neurotrophic factor“ (BDNF), welches die Bildung von neu-en Synapsen (Synaptoneogenese) stimuliert. Neuere Studienergebnisse zeigen den Einfluss von Veränderungen und Verlust der neuronalen Plastizität des Gehirns im Zusammenhang mit der Pathogenese affektiver Erkrankungen.
Ketamin ist eine Substanz, die zum einen regulierend auf die neurotransmittervermittelte Re-zeptoraktivität einwirkt und zum anderen neuroplastische Prozesse hervorruft, welche eine Neuverknüpfung von Nervenzellen bewirken -ein Wirkmechanismus, der sich deutlich von dem der derzeit zugelassenen oralen Antidepressiva unterscheidet. Der Nachweis eines verblüffend raschen (innerhalb von Stunden) und wirksamen antidepressiven Effekts nach einmaliger Applikation intravenösen Ketaminhydrochlorids in einer subanästhetischen Dosis (0.5 mg/kg/KG) konnte 2006 durch eine größere, randomisierte, placebokontrollierte,doppelblinde, crossover Studie von Zarate und Kollegen bei unipolar depressiven Patienten erfolgreich bestätigt werden. Diese sehr bekannte Studie konnte eine nahezu sofortige (antidepressive Wirkung ca. 60 Minuten nach Ende der Infusion zu beobachten) und eine deutliche klinische Besserung depressiver Symptomatik zeigen. Ein Tag nach einmaliger Ketamininfusion zeigten 71 % eine klinische Response und bei 29 % der Patienten waren die klinischen Kriterien einer Vollremission erreicht. Über sieben Tage hielten 35 % der Patienten die Response aufrecht.
Dieselbe Arbeitsgruppe konnte diese Befunde 2010 (ähnliches Studiendesign wie 2006) bei therapieresistenten bipolaren Patienten bestätigen. 71 % der achtzehn behandelten bipolar depressiven Patienten zeigten eine anhaltende Besserung bis zum Ende des dritten Tages nach einer Einzelinfusion. Bis heute konnte dieser schnell einsetzende, wirksame, robuste antidepressive Effekt in vielen gut konzipierten, zum großen Teil placebokontrollierten Studien bei uni-, als auch bipolare depressiven Patienten repliziert werden.
Esketamin ist das S-Enantiomer des Narkosemittels Ketamin und scheint bei gleicher Wirk-samkeit etwas besser verträglich zu sein. Wir bieten als einzige Klinik in Frankfurt die Esketamininfusionstherapie seit 2014 als individuellen Heilversuch bei Patienten mit therapieresistenten Depressionen an und konnten schon zahlreiche Patienten erfolgreich behandeln. Im Rahmen der klinischen Forschung untersuchen wir mögliche Biomarker im Hinblick auf Therapieansprechen und Rückfallzeichen.
Seit 2019 ist Esketaminhydrochlorid auch als intranasale Applikation in den USA und seit 2020 in der Indikation therapieresistente Depression und bei psychiatrischem Notfall zugelassen.zugelassen. Die Markteinführung in Deutschland für die Notfallindikation erfolgte im April 2021.Unsere Klinik war und ist beteiligt an den klinischen Studien vor der Einführung und als Modellklinik zur Etablierung.