Grundlagen

In Deutschland leben zurzeit mehr als eine halbe Million Menschen mit einer Epilepsie, also der Neigung epileptische Anfälle zu entwickeln. Bei einem großen Teil dieser Patienten*innen handelt es sich um Kinder. Ca. ein Drittel aller von einer Epilepsie betroffenen Patienten*innen werden trotz der korrekten Einnahme mehrerer Medikamente nicht anfallsfrei. Hier sprechen wir von einer therapierefraktären Epilepsie. Laut Statistik stirbt auf die gesamte Lebensdauer berechnet etwa einer von 1000 Patienten an den Folgen eines epileptischen Anfalls. Jede therapeutische Option die neben der reinen medikamentösen Therapie hinaus die Anfallshäufigkeit senkt oder sogar für eine Anfallsfreiheit sorgt bedeutet für die Kinder eine zusätzliche Sicherheit und eine Steigerung der Lebensqualität sowie des Entwicklungspotentials. Die Behandlung der Kinder in unserem Epilepsiezentrum lebt von der hervorragenden fächerübergreifenden Zusammenarbeit der beteiligten Kliniken: Epileptologie, Neuropädiatrie und Kinderneurochirurgie.

 

Erweiterte prä- und intraoperative Epilepsie-Diagnostik

Das Spektrum der Epilepsiechirurgie an unserer Klinik beinhaltet den kompletten Umfang der verfügbaren invasiven prächirurgischen Epilepsiediagnostik. Bei vielen Kindern liegt eine komplexe Form der Epilepsie vor. Hier kann es häufig schwierig sein den Ursprung oder die Ursprünge der Anfälle zu lokalisieren. Ziele sind hier die Lokalisierung der für die Anfälle verantwortlichen Strukturen. Nur bei genauer Kenntnis des Anfallsgeschehens kann eine erfolgsversprechende operative Behandlung geplant werden. An unserem Zentrum sind wir in der glücklichen Situation, dass wir sowohl oberflächliche nicht-invasive Ableitungen des Anfallsgeschehens, tiefe Ableitungen mittels Stereo-EEG (SEEG) als auch intraoperative Messungen (EcoG) anbieten können.

Stereo-EEG (SEEG) mit dem ROSA© Roboter

Bei vielen Kindern liegen die Ursprünge der epileptischen Anfälle in der Tiefe des Gehirns. Normale EEG Untersuchungen oder Oberflächen-Elektroden, direkt auf die Gehirnoberfläche aufgebracht, sind oft nicht ausreichend um das Anfallsgeschehen vollständig charakterisieren zu können. Hier ist die vorübergehende Implantation von Messelektroden in die Tiefe des Gehirns erforderlich. Früher wurden diese durch rahmengestützte stereotaktische Operationen eingebracht. Wir können an unserer Klinik eine robotergestützte Elektrodenimplantation durch den Rosa© Roboter durchführen. Der Vorteil ist bei gleicher funktioneller Genauigkeit eine deutliche Reduktion der Operationsdauer verbunden mit einem niedrigeren perioperativen anästhesiologischen Risiko. 

Grid-Elektroden und Platten-Elektroden

Bei Kindern finden sich gehäuft als Ursache für Anfälle Anlagefehlbildungen (z.B. FCDs: fokale kortikale Dysplasien) oder niedrig-gradige hirneigene Tumoren. Bei kompletter Entfernung kann hier oft eine vollständige Anfallsfreiheit erzielt werden. Sind diese Veränderungen jedoch in eloquenten Gehirnarealen gelegen, so muss immer eine Abwägung zwischen dem Risiko der vollständigen Entfernung und dem Risiko einer residuellen Epilepsie getroffen werden. Durch die Auflage von Oberflächenelektroden auf die Gehirnoberfläche in einer vorangehenden Operation kann das Anfallsgeschehen im Umfeld einer Veränderung gut charakterisiert werden und Gehirnareale mit wichtigen Funktionen genau lokalisiert werden, das Ausmaß einer Resektion ist so planbar. Dieser zusätzliche Schritt erlaubt die Erstellung eines maßgeschneiderten Operationsplans und verbindet ein niedriges Risiko einer postoperativen neurologischen Verschlechterung mit der besten Chance auf Anfallsfreiheit.

Elektrokortikographie (EcoG)

Neben der erweiterten präoperativen Diagnostik verwenden wir die intraoperative Elektrokortikographie zur Differenzierung zwischen potentiell epileptogenem und nicht epileptogenem Hirngewebe. So ist es möglich während der Operation das Ausmaß der Resektion anzupassen. Gehirngewebe welches eine erhöhte Erregungsbereitschaft vorweist und potentiell zur Entwicklung von epileptischen Anfällen beitragen würde, kann so identifiziert und entfernt werden.

Spezielle operative Techniken

Neben regulären epilepsiechirurgischen Eingriffen (individuelle Resektionen bei lokalisierten Epilepsiefoci, Temporallappenresektionen, selektiven Amygdala-Hippocampectomien) werden Hemisphärotomien (vertikale Hemisphärotomie nach Delalande) und die LITT (interstitielle Laser Thermo Therapie) durchgeführt.

Hemisphärotomie

Bei der Hemisphärotomie, handelt es sich um die funktionelle Diskonnektion einer Grosshirnhälfte. Während des operativen Eingriffs werden alle Faserverbindungen zwischen der betroffenen Gehirnhälfte und dem restlichen Gehirn durchtrennt. Angewendet wird diese Operation bei Kindern mit großen, die ganze Hirnhälfte betreffenden Schädigungen aufgrund von kongenitalen, erworbenen oder entzündlichen Veränderungen.

Wird diese Operation bei kleinen Kindern mit einer schwerwiegenden einseitigen Epilepsie durchgeführt, so kann häufig eine Anfallsfreiheit erzielt werden. Die gesunde Gehirnhälfte wird durch die kontinuierlich bestehenden Anfälle, welche in der erkrankten Gehirnhälfte ihren Ursprung haben, an einer normalen Entwicklung gehindert. Nach einer Hemisphärotomie wird es der betroffenen Gehirnhälfte ermöglicht vorhandene Entwicklungsrückstände aufzuholen.

LITT (interstitielle Laser Thermo Therapie)

Ganz neu in unserem epilepsiechirurgischen Repertoire ist die LITT. Bei dem neuen Verfahren wird mithilfe von implantierten Elektroden die Zone im Gehirn eingegrenzt, in der die Anfälle ihren Ursprung haben. Danach kommt ein Spezial-Laser zum Einsatz, der punktgenau das betroffene Gewebe durch Erhitzen zerstört. Die besondere Herausforderung besteht darin, dass der Laser, der in der betroffenen Hirnregion eingelegt wurde nicht zu schnell zu heiß werden darf. Er wird gleichzeitig gekühlt und erhitzt.

Seit 2018 ist diese Methode auch in Deutschland zugelassen, die Kosten wurden bisher aber nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Dies hat sich mittlerweile durch eine gute Kooperation zwischen den Krankenkassen und unserem neurologisch-neurochirurgischen Zentrum gewandelt.

Bei gut ausgewählten Patienten sind die Vorzüge dieser Behandlungsmethode gegenüber einer operativen Entfernung des Gewebes jedoch klar sichtbar: das operative Risiko ist für den Patienten deutlich minimiert, ebenfalls kann die Aufenthaltsdauer in der Klinik nach diesem Eingriff deutlich verkürzt werden. Die meisten Patienten können bereits am 2. postoperativen Tag nach Hause entlassen werden. Trotz des technischen sehr hohen Aufwands handelt es sich bei dem eigentlichen operativen Eingriff um eine minimalinvasive Operation.