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Die Geschichte klinischer psychiatrischer Einrichtungen in Frankfurt reicht vermutlich bis ins Mittelalter zurück. Im Jahre 1564 errichtete der Allgemeine Almosenkasten auf Anordnung des Rates der Stadt in einem Speicher ein Gefängnis, das wahrscheinlich ausschließlich der Unterbringung von Geisteskranken diente.

Erstmals 1606 wird das Tollhaus in der Tollhausgasse erwähnt. Beschwerden der Bürger wegen der Baufälligkeit führten zur Einsetzung einer kaiserlichen Kommission 1705. Die 1728 geplante Neuerrichtung scheiterte, nachdem mehrfache Kollekten nicht genügend Geldmittel erbrachten. Dies führte schließlich 1776 lediglich zu Erweiterungs- und Umbauten. Einzelne der neuen Gebäudeteile wurden für bestimmte Krankheitsbilder reserviert, das Erdgeschoss für die „Rasenden“, der erste Stock für die „Unruhigen“. "Der gehässige und abschreckende Name vom Tollhaus" wurde am 16. November 1780 "in jenen vom Kasten-Hospital" umgewandelt, die Tollgasse in "Kastenhospitalgasse" umbenannt. Wegen ständiger Überfüllung erfolgten trotz Protesten der Anwohner ab 1783 weitere Umbauten und Erweiterungen. Epilepsiekranke wurden traditionell ambulant betreut und privat in Familienpflege bei "Kostleuten" untergebracht, die dafür vom Kastenamt "Kostgeld" erhielten. Ab 1819 wurde neben dem Kastenhospital eine "Anstalt für Irre und Epileptische" errichtet. Beide Einrichtungen wurden 1834 organisatorisch zu einer Anstalt für Irre und Epileptische zusammengelegt, die nun als selbständige „öffentliche milde Stiftung" nicht mehr dem Allgemeinen Almosenkasten unterstand. Wegen ständiger Überfüllung trotz weiterer Hinzukäufe von Grundstücken für einen Patientengarten und von Gebäuden beschloss das Pflegamt im Jahre 1853, eine neue Anstalt außerhalb der Stadt zu errichten. Um den Bürgern die "Notwendigkeit" dieses neuen Baues aufzuzeigen und damit auch ihre Spendenfreudigkeit zu wecken, wurde ihnen ausführlich über die "Unzulänglichkeiten der jetzigen Anstalt" berichtet.

Im Jahre 1853 wurde der ehemalige Anstaltsarzt Johann Konrad Varrentrapp und der seit 1851 tätige Arzt Heinrich Hoffmann vom Pflegamt um ihre "Urteile“ über die Anstalt gebeten. Beide kamen zu dem Ergebnis, dass nur mit einer neuen Anstalt die bisher herrschenden Mängel behoben werden könnten. Dies führte zur "Vereinigung einer Anzahl hiesiger Bürger zu einem Comite, welches sich zum Zweck setzte, eine Kollekte für den Neubau zu veranstalten". Heinrich Hoffmann unternahm 1856 mit dem Architekten Oskar Pichler im Auftrag des Pflegamtes Reisen durch Deutschland, Holland, Belgien, England und Frankreich, "um die bewährtesten Irrenanstalten und deren Einrichtung kennen zu lernen".

Heinrich Hoffmann (1809-1894)

Heinrich Hoffmann (1809-1894) war praktischer Arzt, Armenarzt, Anatom, Pathologe und schließlich Psychiater.

Seine heutige Bekanntheit gründet im Wesentlichen in seinem pädagogisch-edukativ gemeinten Buch über den Struwwelpeter, in dem er wohl die Erstbeschreibung des hyperkinetischen Syndroms der Kinder lieferte.

Wissenschaftlich ist er nicht bedeutsam hervorgetreten. Seine eigentliche Leistung lag in der Organisation des Neubaus der Anstalt.

1834 gründeten sechs ihm befreundete Ärzte eine Armenklinik. Nach seiner Rückkehr aus Paris schloss er sich ihnen an. 1845-1851 versah er den anatomischen Unterricht für Chirurgen, Lehrer und Gymnasiasten an der Senckenbergischen Anatomie. 1845 war er Mitbegründer des Frankfurter Ärztlichen Vereins. 1851 wurde ihm die ärztliche Aufsicht über die „Anstalt für Irre und Epileptische“ übertragen. Er hatte die ärztliche Behandlung der Insassen zu übernehmen, mit dem Hospitalmeister die Aufsicht über Reinlichkeit und Ordnung zu führen, die Kranken täglich einmal zu besuchen, "zuweilen insbesondere zur Essenszeit, damit er sich überzeuge, ob die den Pfleglingen verabreichte Kost der Gesundheit angemessen sei".

Mit Hilfe der von den Bürgern gesammelten Gelder, einer "Anleihe von 100.000 zu höchst vorteilhaften Bedingungen" von dem Pflegamt des Hospitals zum Heiligen Geist und eines "Legats von 100.000" von Ludwig Friedrich Wilhelm Freiherr von Wiesenhütten konnte im Sommer 1859 mit dem Bau der neuen Anstalt auf dem "Affensteiner (eigentlich Ave (Maria) Stein) Feld" begonnen werden. Auf Betreiben von Heinrich Hoffmann verband Freiherr von Wiesenhütten seine Spende ausdrücklich mit der Bedingung, dass der Neubau innerhalb eines Jahres nach seinem Ableben begonnen werden müsse; anderenfalls verfiel die Spende. Das noch fehlende Geld wurde aus städtischen Mitteln gegeben. Am 23. Mai 1864 war die neue Anstalt für Irre und Epileptische fertig gestellt. Heinrich Hoffmann und ein Teil der "Wärter und Wärterinnen" wohnten in dieser neuen Anstalt. Die Gebäude der alten Anstalt wurden an die Stadt abgetreten und an dieser Stelle die Elisabethenschule, eine höhere Töchterschule, errichtet. Die Kastenhospitalgasse hieß nun Goethestraße und ist die jetzige Börsenstraße.

Emil Sioli (1852-1922)

Vom Jahre 1888 an leitete Emil Sioli (1852-1922) die neue Anstalt.

Als Sioli die Leitung der Anstalt übernahm beherbergte sie nur die schwersten Geisteskranken. Sein Assistenz- und späterer Oberarzt Alois Alzheimer schildert die Veränderungen, die Sioli einführte wie folgt: „Mit all den Zwangsmitteln, welche übermäßige Vorsicht und Ängstlichkeit bei der Behandlung der Kranken hier noch länger in Gebrauch gehalten hatte als an den meisten anderen Orten, ist an einem Tage aufgeräumt worden. In der Einführung eines intensiveren ärztlichen Dienstes, in der Einrichtung von Bettbehandlung und Wachsälen, in der Beschränkung und Vermeidung des Gebrauchs der Isolierzimmer, in der Einrichtung der Dauerbäder, in der Gewährung möglichster Freiheiten an die Kranken ist er mit den fortgeschrittensten Anstalten gegangen […] Für die Hebung des Pflegepersonals durch reichlichere Bezahlung und Verbesserung seiner sonstigen Verhältnisse hat er sich sofort kräftig ins Zeug gelegt. [...] In oft heftigen Kämpfen gegen mancherlei bürokratische Schwierigkeiten suchte er die durch umständliche und lästige Bedingungen erschwerte Aufnahme in die Anstalt nach Möglichkeit zu erleichtern, bis der allein richtige Standpunkt, dass sie nicht mehr erschwert sein dürfe wie die Aufnahme eines körperlichen Kranken in ein Hospital, erreicht war. […] Welche Wandlungen mit diesen Änderungen in dem Geist der Anstalt und dem Verhalten der Kranken eintrat, davon machen sich heute die Jüngeren kaum mehr eine Vorstellung. Im Rücken durch kräftige Pfleger gedeckt, musste man seine Visiten in der unruhigen Abteilung erledigen, und trotzdem war es manchmal nötig, sich mit eigener Kraft der Überfälle gereizter Kranker zu erwehren. […] Die zahlreichen Anstaltsartefakte waren verschwunden.“

Wissenschaftlich glaubte Sioli eine direkte Vererbung der von Kraepelin abgegrenzten manisch-depressiven Krankheit nachgewiesen zu haben. In seiner Klinik entdeckte Alois Alzheimer (1864-1915) die nach ihm benannte Demenz. "Denn nicht übermäßige Bedenken und lähmende Verzagtheit helfen den Wissenschaften vorwärts und haben ihnen vorwärts geholfen, sondern ein gesunder Optimismus, der in froher Zuversicht nach neuen Wegen der Erkenntnis sucht, da er überzeugt ist, dass sie zu finden sein werden […] Bei der außerordentlichen Häufung der Verwaltungsarbeit und der ärztlichen Inanspruchnahme in einem so großen und vielseitigen Betriebe, wie er die Frankfurter Anstalten schließlich erfüllte, konnte Sioli selbst nicht immer so viel Zeit, als er gewollt hätte, für wissenschaftliche Arbeiten erübrigen […] Man kann nur wünschen, dass Sioli's Anstalt auch in der Förderung wissenschaftlicher Arbeit ein nachgeeifertes Beispiel werde"

Nach Gründung der Frankfurter Universität als Stiftung der Frankfurter Bürger, u.a. der jüdischen Gemeinde, im Jahre 1914 wurde Emil Sioli Ordinarius für Psychiatrie. 1919 wurde Sioli emeritiert.

Karl Kleist (1879-1961)

Karl Kleist (1879-1961), seit 1916 Ordinarius in Rostock, wurde zum 01. Mai 1920 Siolis Nachfolger. Er vertrat bald neben der Psychiatrie auch die Neurologie einschließlich einer subtilen Neuropathologie. Zu seinen wesentlichen Beiträgen gehört die umfangreiche Analyse neurologischer Ausfälle bei Hirnverletzten der Weltkriege, wobei er die Lokalisationslehre Wernickes auch für die Psychopathologie weiterentwickelte.

Karl Leonhard (1904-1988)

Karl Leonhard (1904-1988) holte er 1936 aus der Anstalt Gabersee als Oberarzt nach Frankfurt. 1937 wurde Leonhard unter Kleist habilitiert und 1944 zum außerplanmäßigem Professor ernannt. Aufgrund seiner Mitgliedschaft in der NSDAP, dem NS-Ärzte- und NS-Dozentenbundes, sowie seiner Tätigkeiten als HJ-Hauptarzt und Obmann für die NSDAP an der Nervenklinik wurde er nach Kriegsende zunächst zum Assistenzarzt zurückgestuft. Nach Beendigung seines Spruchkammerverfahrens, in dem er als Mitläufer eingestuft wurde, wurde er 1948 erneut zum apl Professor ernannt. Er blieb bis zu seinem Ruf im Jahr 1955 als Ordinarius der Klinik für Psychiatrie und Neurologie in Erfurt in Frankfurt. Bekannt wurde Karl Leonhard für seine ebenfalls auf Wernicke aufbauende psychiatrische Nosologie der endogenen Psychosen.

In den Jahren 1929 bis 1931 entstand entsprechend  Kleists Konzepten unter den Architekten Ernst May und Martin Elsaesser wiederum ein Neubau der Klinik im Bauhaus-Stil, diesmal in der Nähe der übrigen Universitätskliniken in Niederrad, das heutige Zentrum der Psychiatrie in der Heinrich-Hoffmann-Straße. Die Anstalt auf dem Affensteiner Feld wurde 1930 abgerissen. An dieser Stelle wurde das Hochhaus der IG Farben errichtet. Dieses diente seit Ende des zweiten Weltkriegs bis 1995 als Hauptquartier der US-Armee in Europa, seit 2001 gehört es als Campus Westend zur Goethe Universität. In der Bibliothek Sozialwissenschaften und Psychologie findet sich noch Fundamente eines Gebäudes der alten Anstalt, die bewahrt wurden. Die Funktion des Gebäudes konnte jedoch nicht endgültig aufgeklärt werden.

Dem Neubau der heutigen Klinik lagen wohldurchdachte Konzepte Kleists zugrunde, die am besten mit Auszügen aus seinen eigenen Ausführungen verdeutlicht werden können. "Im Vordergrunde stand dabei meine Überzeugung, dass die neue Klinik keine reine Aufnahmeklinik werden durfte, wie es die Mehrzahl der verwandten deutschen Kliniken geworden ist. Als Griesinger im Jahre 1868 den Gedanken der Stadtasyle fasste, aus dem auch die "psychiatrischen und Nervenkliniken" hervorgegangen sind, konnte er nicht voraussehen, dass sich später an denselben ein sowohl der Behandlung wie der Erforschung der Krankheiten gleich abträglicher Schnellverkehr entwickeln würde. Wenn Griesinger Stadtasyle bzw. Kliniken für die akuten und rasch vorübergehenden oder sich in kurzer Zeit bessernden Geistesstörungen und für die Behandlung von Nervenkranken verlangte, während die chronischen und unheilbaren Geisteskranken bald in die Landesanstalten überführt werden sollten, so reichte doch der Umfang von 60 bis 150 Betten, den Griesinger je nach der Größe der Stadt vorschlug, völlig aus, um die Kranken durchschnittlich 3 bis 4 Monate in der Klinik zu behalten. Solchen kurzen Aufenthalten stehen aber zahlreiche andere Kranke gegenüber, deren regelmäßige Verläufe 4 bis 6 Monate in Anspruch nehmen, die Melancholien und Manien, die heilbaren Verwirrtheiten, die Motilitätspsychosen, die akuten Phasen katatoner und schizophrener Erkrankungen. Diagnostisch unklare Fälle sollten, auch wenn die Krankheit länger währt, bis zum Ablaufe beobachtet werden, oder solange bis sich ein Dauerzustand herausgebildet hat. Aus der 7- bis 8-wöchigen Aufenthaltsdauer bei 2000 Aufnahmen ergab sich die Notwendigkeit einer Bettenzahl von 250. Mit diesem Umfang wurde auch die Überlieferung der alten Frankfurter Anstalt soweit als möglich gewahrt. Bei ihrer Erbauung im Jahre 1863 als reichsstädtische "Heil- und Pflegeanstalt für Irre und Epileptische" unter Heinrich Hoffmann fasste sie 200 Betten und konnte nach ihrer Erweiterung und Umgestaltung als Stadtasyl unter Sioli im Jahre 1890 350 und mehr Kranke beherbergen. Mit der Empfehlung einer verhältnismäßig großen Klinik von 250 Betten lag mir daran, in der neuen Frankfurter Klinik die Mängel zu vermeiden, die anderwärts durch eine ungemein gestiegene Aufnahmezahl bei gleichbleibendem Raum entstanden waren. Es musste etwas Neues und Einheitliches erdacht werden, das die Vorzüge beider Arten (Aufnahmeklinik im Gegensatz zur Anstaltsklinik) von Kliniken in der durch Unterricht und Forschung gebotenen Weite und Begrenzung enthielt."

Es waren 5 gesonderte Abteilungen, sowohl für Männer wie für Frauen, erforderlich: „1. eine offene Nervenabteilung, 2. eine Wachabteilung für Hirnkranke (Gelähmte, Versteifte, Apraktische u.ä.), 3. eine Wachabteilung für Gemütskranke, vornehmlich für Melancholische und andere ruhige Geisteskranke, 4. eine Wachabteilung für Erregbare, Unausgeglichene, sonst aber geordnete "Halbruhige", d.h. hauptsächlich für Psychopathen 5. eine Wachabteilung für unruhige Geisteskranke. Als 6. kam dazu die für Knaben und Mädchen gemeinsame Kinderabteilung". So entstand "je ein Männer- (Ostflügel) und Frauenbau (Westflügel), der sich in einen zweistöckigen hinteren Bauteil für die Unruhigen (Erdgeschoss) und die Halbruhigen (1. Stock) und einen dreistöckigen vorderen Bauteil für die Hirnkranken (Erdgeschoss), Gemütskranke (1. Stock) und Nervenkranke (2. Stock) gliedert. Der vordere Bauteil enthält außerdem in dem nach vorn vom Treppenhaus gelegenen Abschnitt im Männerbau die Kinderabteilung, im Frauenbau die Schwesternwohnungen (Erdgeschoss und 1. Stock), sowie jederseits die Wachabteilung für ruhige Patienten 1. und 2. Klasse (im 2. Stock).“

Die gemeinsamen zentralen Einrichtungen für die Aufnahme, für gewisse Behandlungen und Untersuchungen (Elektro- und Hydrotherapie, Röntgen und Operationen), für Poliklinik, Laboratorien und Sektionen, für den Unterricht (Hörsaal mit Nebenräumen) und für die Bücherei, für Andachten und Unterhaltungen der Kranken und für die Leitung der Klinik (finden sich) in einem mehrstöckigen mittleren Baukörper mit den zentralen Wirtschaftsräumen (Küche, Fernheizanlage, Werkstätten) und mit den Wohn- und Umkleideräumen.

Zur Erholung, Bewegung und Beschäftigung der Kranken waren geräumige Gärten erforderlich, und zwar Sondergärten der einzelnen Abteilungen und ein gemeinsames Garten- und Feldgelände.

Ab 1934 wurden im Deutschen Reich Menschen, die für psychisch krank oder behindert gehalten wurden gegen ihren Willen und mit Gewalt unfruchtbar gemacht. An diesen Zwangssterilisationen waren die Ärztinnen und Ärzte der Frankfurter Nervenklinik auf verschiedenen Ebenen beteiligt. Von 1934 bis 1945 wurden von der Klinik über 1000 Menschen beim Gesundheitsamt angezeigt, wo dann Amtsärzte darüber entschieden, ob vor dem Frankfurter Erbgesundheitsgericht ein Verfahren zur Zwangssterilisation eröffnet wird. Bei mindestens 405 Personen beantragten die Ärztinnen und Ärzte der Klinik die Zwangssterilisation beim Erbgesundheitsgericht direkt, ohne den Umweg über das Stadtgesundheitsamt zu wählen. Außerdem waren Karl Kleist und seine Oberärzte als Beisitzer am Erbgesundheitsgericht bzw. –obergericht tätig, wo sie gemeinsam mit einem weiteren Arzt und einem Richter darüber entschieden, ob die Betroffenen zwangssterilisiert wurden oder nicht. Unabhängig von diesen Tätigkeiten wurden an der Klinik Gutachten für Erbgesundheitsgerichte gestellt, in denen Zwangssterilisationen empfohlen wurden, oder auch nicht. Gleichwohl hatte Karl Kleist zeitgenössisch den Ruf, die „Indikationen“ zur Zwangssterilisation sehr eng zu sehen, was ihn in Konflikte mit psychiatrischen Kollegen im Deutschen Reich brachte und dazu führte, dass sich Menschen für Gutachten an ihn wandten, in der Hoffnung, dass er im Gutachten keine Zwangssterilisation empfahl. 

Spätestens ab 1940 wurden Menschen, die in den Heil- und Pflegeanstalten des Deutschen Reiches und der annektierten Gebiete behandelt wurden, ermordet. Dies geschah zum einen durch eine zentrale Erfassung und Deportation in extra dafür umgebaute Gasmordanstalten, zum anderen durch gezieltes Verhungernlassen, mangelnde hygienische Zustände und Medikamentenüberdosierungen. An den Universitätsnervenkliniken fanden keine systematischen Morde statt. Vor dem Hintergrund einer radikalisierten, menschenverachtenden Psychiatriepolitik sind jedoch einzelne Morde nicht auszuschließen. Trotz eingehender Recherche fanden sich für die Universitätsnervenklinik Frankfurt hierauf keine Hinweise. Vielmehr kritisierte Kleist bereits 1938 den Sparkurs, der in den umliegenden Anstalten eingesetzt hatte, wodurch es zu Konflikten mit dem Träger der Anstalten kam. Gleichwohl wurden, während die Morde den Verantwortlichen der Frankfurter Nervenklinik bekannt waren, weiterhin Menschen aus der Nervenklinik in diese Anstalten verlegt. Neue Arbeiten zeigen, dass über die Hälfte der Menschen, die zwischen 1940 und 1945 aus der Nervenklinik in eine Anstalt verlegt wurden bis 1945 in einer Anstalt verstarben. Außerdem ist bekannt, dass Gehirne von Ermordeten aus den Anstalten zur weiteren Untersuchung an die Nervenklinik in Frankfurt geschickt wurden. Wie dort damit weiter umgegangen wurde ist unklar. Im Unterschied zu vielen seiner Kolleginnen und Kollegen lehnte Kleist eine Einteilung in lebenswertes und lebensunwertes Leben ab. Gleichwohl war er überzeugt davon, dass zur Verhinderung der Entstehung von psychischen Erkrankungen, manche Menschen, die er für psychisch krank hielt, keine Kinder haben sollten und dies auch mit Zwangssterilisationen unterbunden werden sollte. Insgesamt entsteht das Bild, dass es Kleist Priorität war, seine klinische und wissenschaftliche Arbeit möglichst ungehindert fortzuführen. Hierfür war er bereit, sein Menschenbild hintan zu stellen und beispielsweise dem Tötungsarzt Hans Bodo Gorgaß die Möglichkeit der Promotion zu geben, die dieser jedoch nicht abschloss. Typisch hierfür ist auch, dass Kleist 1939 der NSDAP beitrat. Dies geschah wahrscheinlich auf Druck der Partei, nach mehreren Auseinandersetzungen mit Parteifunktionären und aus Angst, mit Erreichen seines 65. Lebensjahres gegen seinen Willen pensioniert zu werden.

Um einer Amtsenthebung wegen seiner OParteimitgliedschaft zuvro zu kommen, ließ Kleist sich 1945 in den Ruhestand versetzen. Als kommissarischer Leiter der Klinik wurde Kleists Vertrauter Hans Schwab eingesetzt, der während des Nationalsozialismus aus politischen Gründen entlassen worden war. Kleist hatte sich mehrfach für ihn eingesetzt und versucht ihn über Drittmittel finanzierte Stellen weiter zu beschäftigen, bis ihm auch dies untersagt wurde. Das Spruchkammerverfahren von Kleist zog sich von 1946 bis 1949, ohne das eine endgültige Einstufung erfolgte, weil sowohl der öffentliche Kläger, als auch Kleist mehrfach die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragten. Obwohl er nicht endgültig eingestuft wurde, leitete er 1949 noch für ein Jahr die Klinik kommissarisch

Jürg Zutt (1893-1987)

1950 wurde Jürg Zutt (1893-1987) Kleists Nachfolger. Zutt hatte zuvor unter Bonhoeffer an der Berliner Charite gewirkt und die Psychiatrische Universitätsklinik in Würzburg geleitet. Welche Haltung er gegenüber den Zwangssterilisationen und den Morden während der NS-Zeit einnahm ist bislang nicht weiter untersucht. In Frankfurt spielte unter Zutt, entsprechend dem Zeitgeist vor dem Hintergrund der Zeit des Nationalsozialismus, biologische und speziell neuropathologische Forschung eine untergeordnete Rolle. Vielmehr war seine Psychiatrie von verstehender Anthropologie und Daseinsanalyse geprägt. Er richtete unter Leitung von Caspar Kuhlenkampff die erste Sozialpsychiatrie in Deutschland ein. Die oberärztlich geleitete Kinder- und Jugendpsychiatrie wurde unter von Stockert zu einem persönlichen Ordinariat. Die zunehmende Spezialisierung, zusammengefasst in einem Nervenzentrum wurde von Zutt weiter gefördert, der international hochangesehen die Klinik bis 1962 geleitet hat.

1967 übernahm das Land Hessen von der Stadt Frankfurt die Trägerschaft der Universitätskliniken.

Hans-Joachim Bochnik (1920-2005)

Nach 5-jähriger Vakanz übernahm Hans-Joachim Bochnik 1967 den Lehrstuhl wie auch das Klinikdirektorat. Er brachte aus Hamburg ein beachtliches Team von Mitarbeitern mit. Um der wissenschaftlichen Entwicklung gerecht zu werden, wurde die neurologische Abteilung unter Fischer zu einem dem Klinikdirektor unterstellten Ordinariat.

Auf Bochniks Initiative wurde eine Abteilung Psychotherapie und Psychosomatik unter Mentzos, die klinische Psychologie unter Süllwold und eine Dokumentationsgruppe (DPO) eingerichtet.

Im Gefolge des neuen hessischen Hochschulgesetzes wurden 1973 entsprechend Vorschlägen des Strukturausschusses des Fachbereichs die einzelnen Funktionen als Abteilungen selbständig und die stationäre Versorgung in zwei Kliniken unter Bochnik bzw. Wanke geteilt. Nach dem Wechsel von Wanke nach Homburg/Saar übernahm Pittrich kommissarisch dessen Aufgaben, bis er zum Landschaftsverband Westfalen-Lippe wechselte.

Als Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie folgte auf Stockert Harbauer, nach langer Vakanz dann Poustka. Einzelne Funktionen wie die Neurochemie seit 1974 unter Demisch und die Elektrophysiologie blieben dem Lehrstuhl zugeordnet.

 Die Neuroradiologie unter Hacker und die Neurologie unter Fischer konnten 1979 als eigenständige Abteilungen in ein neues Gebäudeübersiedeln zusammen mit der Neurochirurgie, die lange Zeit sowohl oberärztlich in der Chirurgie als auch in der psychiatrischen Klinik betrieben worden war.

Laut Beschluss des Fachbereichsrats Humanmedizin vom 24.05.1973 wurde die Psychiatrische und Neurologische Klinik zu einem Medizinischen Zentrum der Psychiatrie restrukturiert: "Das Zentrum der Psychiatrie übernimmt die Forschung, die Lehre und die Dienstleistung auf dem Gebiet der Krankenversorgung in seinem Fachgebiet und pflegt enge Zusammenarbeit mit den Medizinischen Zentren und ständigen Betriebseinheiten des Klinikums. Die Forschung umfasst das gesamte Gebiet der Psychiatrie einschließlich der Kinder- und Jugendpsychiatrie und ihre Grenzgebiete. Die Lehre umfasst die Unterrichtung der Studenten gemäß der im Rahmen der jeweils geltenden Approbationsordnung erlassenen Studienordnung des Fachbereichs Humanmedizin. Die Dienstleistung umfasst die ambulante und stationäre Krankenversorgung, die Weiterbildung von Ärzten und Psychologen sowie die Aus- und Weiterbildung von nichtwissenschaftlichem Personal. Dabei ist der zeit- und sachgerechte Ablauf der Weiterbildung zur Erlangung der Anerkennung als Arzt für Psychiatrie, Arzt für Psychiatrie und Neurologie, Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und als Fachpsychologe für Klinische Psychologie sowie der Zusatzbezeichnung "Psychotherapie" durch eine verbindliche Regelung mit den Zentren der Neurologie und Neurochirurgie und der Kinderheilkunde sicherzustellen.

Dieses Zentrum der Psychiatrie gliederte sich in 5 Abteilungen und in gemeinsam genutzte Einrichtungen: Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, für klinische Psychiatrie I, für klinische Psychiatrie II, für Psychosomatik und Psychotherapie, für Sozialpsychiatrie. Mit gemeinsamen Einrichtungen waren unter anderem gemeint: die Poliklinik, die Aufnahme, die Elektrophysiologische Diagnostik, ein klinisches Laboratorium, die physikalische Therapie und Krankengymnastik, sowie die Beschäftigungs- und Arbeitstherapie, Sozialarbeit, die Bibliothek und ein Sektionsraum.

Aus Sicht einer gemeindenahen Psychiatrie versorgt die Klinik seit ihrer Neugründung unter Kleist ein in der Einwohnerzahl erheblich gewachsenes Einzugsgebiet.

Leiter der Psychiatrischen Klinik II wurde 1982 Prof. Dr. Burkhard Pflug. Seit 1987 existierte eine Empfehlung des Klinikdirektoriums, die beiden Abteilungen für klinische Psychiatrie im Rahmen der Emeritierung von Bochnik im Jahre 1988 wieder zu vereinigen. Mit der Besetzung der C4-Professur nach erneut 5-jähriger Vakanz durch Prof. Dr. Konrad Maurer im Jahre 1993 blieb die Teilung erhalten.

Pflug leitete die Klinische Psychiatrie II bis Ende März 2004. Nach dem Ausscheiden von Pflug leitete Maurer die beiden Abteilungen (Klinische Psychiatrie I und II) bis März 2009.

Durch Beschlüsse des Klinikumsvorstandes wurde die Integration der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie in die Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Oktober 2005 vollzogen.

Nach der Emeritierung von Prof. Maurer leitete Prof. Dr. Johannes Pantel als kommissarischer Direktor die Klinik von April bis Dezember 2009.

Von Januar 2010 bis März 2012 leitete Prof. Dr. Harald Hampel die Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

Von März 2012 bis August 2014 leitete Dr. Stefan Hornung kommissarisch die Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

Seit August 2014 leitet Prof. Dr. Andreas Reif die Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

DIE FRANKFURTER NERVENKLINIK von 1950 bis heute im Überblick

1962

Prof. Jürg Zutt, Direktor der Frankfurter Nervenklinik; Emeritierung von Prof. Jürg Zutt

 

1962 - 1966

 

Interregnum, kommissarische Leitung der Klinik durch Prof. Caspar Kulenkampff und Prof. Rudolf Degkwitz.

 

1.04.1967

 

Prof. Hans-Joachim Bochnik tritt sein Amt als Nachfolger Zutts in Frankfurt an.
 Prof. Bochnik wird der letzte Lehrstuhlinhaber für die Fächer Neurologie und Psychiatrie in Frankfurt.

 

1967

 

Die Stadt Frankfurt übergibt die Trägerschaft der Klinik an das Land Hessen.

 

1973Die Neurologie wird eigenständig. (Leitung: Prof. Peter Alexander Fischer)
1973

Gründung des Zentrums der Psychiatrie:

  • Abteilung für Klinische Psychiatrie I(Leitung: Prof. Hans-Joachim Bochnik)
  • Abteilung für Klinische Psychiatrie II(Leitung: Prof. Klaus Wanke)
  • Abteilung für Sozialpsychiatrie; (kom. Leitung: Prof. Dietfried Pieschl
  • Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik; (Leitung: Prof. Stavros Mentzos)
  • Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie; Leitung: Prof. Hubert Harbauer)
1976Berufung von Prof. Gerd Overbeck zum Leiter des Funktionsbereiches Psychosomatik
1982Berufung von Prof. Burkhard Pflug zum Leiter der Abteilung für Klinische Psychiatrie II
1986Prof. Fritz Poustka wird Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie
1988Emeritierung von Prof. Hans-Joachim Bochnik
1988-1993Komm. Leitung der Abteilung Klinische Psychiatrie I durch Prof. Burkhard Pflug
01.01.1993Prof. Konrad Maurer tritt die Nachfolge von Prof. Bochnik als Leiter der Abteilung für Klinische Psychiatrie l an
März 2004 – April 2009Nach dem Ausscheiden von Prof. Pflug leitete Prof. Maurer beide Abteilungen (Klinische Psychiatrie I und II)
April 2009 bis Dez. 2009Komm. Leitung der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie durch Prof. Dr. Johannes Pantel
Jan. 2010 bis März 2012Leitung der Klinik durch Prof. Dr. Harald Hampel
März 2012 bis August 2014Komm. Leitung der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie durch Dr. Stefan Hornung
Seit August 2014Leitung der Klinik durch Prof. Dr. Andreas Reif