Die Therapie von Stefan F.

Wer nur geringe Chancen hat, auf eine Therapie anzusprechen, und dennoch dazugehört, muss ein echter Glückspilz sein. Patient Stefan F. war darüber so erstaunt, dass er sein Glück gleich herausforderte. „Kein Witz: Nach der guten Nachricht, dass die Chemo- und Immuntherapie angeschlagen hat, habe ich erst mal Lotto gespielt“, erzählt der 43-Jährige. „Ich habe zwar nichts gewonnen, aber das war mir am Ende egal.“ Denn gewonnen hatte Stefan F. etwas ungleich Wertvolleres: sein Leben.

Befund kurz vor Weihnachten
Ende 2023 wird der Finanzbuchhalter von mikro-epileptischen Anfällen geplagt. Unkontrollierte Zuckungen im rechten Arm und rechten Bein lassen ihn zunächst an einen Bandscheibenvorfall denken. Doch die ärztliche Abklärung bringt eine schockierende Diagnose: Ein Tumor im Gehirn drückt auf das Motorikzentrum. Die Ärzte wollen sofort operieren. Doch weil es kurz vor Weihnachten ist, trifft Stefan F. eine andere Entscheidung. Er möchte zunächst sein Testament machen, damit seine kleine Tochter im Ernstfall abgesichert ist. „Das war mir wichtiger als alles andere“, sagt Stefan F. Anfang 2024 folgt die Operation und eine weitere Hiobsbotschaft: Der Hirntumor ist ein Sekundärtumor – der Primärtumor sitzt im Übergang von der Speiseröhre zum Magen. „Nach dieser Diagnose habe ich erneut mit meinem Leben abgeschlossen“, sagt Stefan F.

Hoffnung im spezialisierten Zentrum
In dieser Situation fällt er eine klare Entscheidung: Wenn es noch eine Chance gibt, dann an einem spezialisierten Zentrum. Stefan F. wendet sich an die Universitätsmedizin Frankfurt. Dort übernimmt Prof. Dr. Jörg Trojan, Leiter der gastrointestinalen Onkologie der Medizinischen Klinik 1, seine Behandlung. „Bei ihm habe ich mich gut aufgehoben gefühlt“, erzählt Stefan F. „Mit der onkologischen Therapie, die speziell für mich ausgesucht wurde, hatte ich richtig Glück – und ebenso damit, dass ich zu den wenigen Prozent gehörte, bei denen sie so gut angeschlagen hat.“

Therapie nach Maß im Tumorboard
Möglich wird dieser Erfolg durch die enge Zusammenarbeit vieler Fachrichtungen an der Universitätsmedizin Frankfurt. „Therapien wie die von Stefan F. werden in einem Tumorboard besprochen, einem multidisziplinären Gremium, das mehrmals wöchentlich tagt. Das geschieht vor der Diagnosestellung sowie vor und nach der Operation“, erklärt Prof. Dr. Armin Wiegering, Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie. Beteiligt an dieser Expertenrunde sind erfahrene Radiologen, Pathologen, Strahlentherapeuten, Gastroenterologen, Onkologen und Chirurgen. Das Verfahren wird regelmäßig durch die Deutsche Krebsgesellschaft zertifiziert. „Diesen Aufwand können nur spezialisierte Zentren wie unseres leisten“, sagt Prof. Dr. Armin Wiegering. „Auf Basis der aktuellen Studienlage und der individuellen Tumorsituation entscheiden wir, welche Therapieoption für unsere Patientinnen und Patienten sinnvoll ist.“ Für Stefan F. empfiehlt das Tumorboard eine individualisierte, biomarkergesteuerte Systemtherapie mit anschließender Operation. 

Eine neuartige Kombination
„Das Besondere bei uns ist, dass wir diesen Aufwand ganz bewusst im Sinne der Patientinnen und Patienten betreiben. Wir kommen regelmäßig zusammen, um Fälle gemeinsam zu besprechen und zu diskutieren – immer dann, wenn es notwendig ist. Diese kontinuierliche fachliche Auseinandersetzung ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Qualität“, bekräftigt Prof. Dr. Jörg Trojan. „Stefan F. war einer der ersten Patienten, die mit einer neuartigen Therapiekombination behandelt wurden, die wir hier in Frankfurt mit großem Erfolg mitentwickelt haben.“ Zum Einsatz kamen eine intensive Chemotherapie, eine Immuntherapie sowie eine gezielte Therapie mit dem Wirkstoff Trastuzumab. „Dabei handelt es sich um monoklonale Antikörper, die das Wachstum der Krebszellen hemmen“, erklärt Prof. Dr. Jörg Trojan.

Das gute Ansprechen auf die Therapie war allerdings nur der erste Schritt. Es folgte eine aufwändige Operation: Magen, Milz, Galle und ein Teil der Bauchspeicheldrüse müssen entfernt werden, da sie bereits vom Tumorgewebe betroffen sind. Bei der Operation wurde die Speiseröhre direkt an den Dünndarm angeschlossen. Stefan F. hat sich an die neuen Bedingungen angepasst. Er isst mehrere kleine Mahlzeiten täglich und kaut besonders gründlich. So funktioniert die Verdauung auch ohne Magen erstaunlich gut, findet er. 

Was wirklich zählt
Die Zeit zwischen Diagnose, Therapie, Operation und Reha war extrem belastend. „Zwischendurch denkt man, man stirbt an den Schmerzen“, sagt Stefan F. „Auf einer Skala von eins bis zehn, würde ich sagen: 15.“ Aufgegeben hat er dennoch nicht – seiner Tochter zuliebe. Heute arbeitet er wieder in Vollzeit, auch wenn ihn das häufig an seine Grenzen bringt. „Ich bin ein Sturkopf“, gesteht er. „Wenn mir jemand sagt: Das kannst Du nicht oder das geht nicht, dann mache ich es erst recht.“

Vieles im Leben ist aber auch einfacher geworden, sagt der Mann aus dem Taunus. Er sei nicht mehr so verbissen wie früher. „Es ist schon irre, was einem noch wichtig ist, wenn man denkt, dass man stirbt.“ Für ihn ist es seine Tochter. Für sie hat er durchgehalten. „Wenn ich meine Tochter aufwachsen sehen kann, bin ich schon glücklich“, sagt Stefan F. Das ist besser als alles Geld der Welt.

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