Die Therapie von Christa B.
Um das Bett von Christa B. stehen die Expertinnen und Experten im Halbkreis: eine Oberärztin, ein Psychologe, eine Stationsärztin sowie eine Diabetesberaterin. Bei dieser Visite geht es um Basalratenwerte, den KE-Faktor und ein Loop-System – Begriffe, die für Außenstehende fremd klingen. Für die Lehrerin Christa B. dagegen bedeuten die nüchtern gemessenen Basalratenwerte, die Kohlenhydrateinheiten (KE) und insbesondere die automatisierte Insulinpumpe, der sogenannte Loop, vor allem eins: ein großes Stück Freiheit.
Sie muss es wissen: Christa B. lebt seit 47 Jahren mit diagnostiziertem Diabetes Typ 1 – eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem insulinproduzierende Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört – und hat hautnah miterlebt, wie sich die Therapie in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat. Es gab immer wieder Entwicklungssprünge, doch keiner war so einschneidend wie der letzte.
Ein Moment der Befreiung
„Ich weiß es noch wie gestern“; erzählt die 57-Jährige über das einschneidende Erlebnis vor elf Jahren. „Nachdem ich die Insulinpumpe bekommen hatte, bin ich in mein Auto gestiegen und habe laut gejubelt. Es war ein tolles Gefühl, nicht mehr täglich spritzen zu müssen – und dieses Freiheitsgefühl ist bis heute geblieben.“
Was Christa B. damals zum Jubeln brachte, war eine moderne, automatisierte Insulinpumpe. Loop-Systeme gibt es erst seit wenigen Jahren. „Sie bestehen aus einem Glukosesensor und einer Insulinpumpe, die über einen Algorithmus miteinander verbunden sind“, erklärt Jennifer Loske, eine von vier Diabetesberaterinnen und -beratern auf der Station für strukturierte Diabetestherapie am Schiffer Campus der Universitätsmedizin Frankfurt. „Vereinfacht gesagt: Der Sensor misst den Gewebezucker und meldet der Pumpe, welcher Glukosewert in der nächsten halben Stunde zu erwarten ist. Die Pumpe gibt daraufhin bedarfsgerecht Insulin ab.“
Technik, die Übung braucht
So automatisiert das System auch arbeitet, Patientinnen und Patienten müssen den Loop mit Daten füttern, damit er möglichst präzise dosieren kann. Vor jeder Mahlzeit stehen deshalb Berechnungen auf dem Programm: Wie viele Kohlenhydrate werden voraussichtlich verzehrt? Im Wochenkurs schulen Jennifer Loske und ihre Kolleginnen und Kollegen genau das: Kohlenhydrate einschätzen, Glukoseverläufe und Insulinwirkungskurven beurteilen, medizinische Standards kennenlernen und den Umgang mit Pumpe und Sensor erlernen. Beide Geräte platzieren über feine Nadeln einen Messfaden bzw. Katheter unter der Haut. Etwa alle drei Tage wird die Pumpe neu befüllt und der Katheter gewechselt.
„Der Umgang mit der komplexen Technologie in den verschiedenen Alltagssituationen erfordert Übung“, erklärt Dr. Ralf Jung, Leiter der Sektion Diabetologie. „Es ist unser Anspruch, individuell auf Probleme und Themen einzugehen, die im ambulanten Setting nicht ausreichend abgedeckt werden können.“ Die Einstellung des Loop erfordert deshalb einen stationären Aufenthalt von einer Woche.
1000. Kurs am Schiffer Campus
Der Wochenkurs hat im Mai 2026 zum 1000. Mal stattgefunden – in dieser Form einzigartig in Hessen. Auch deshalb hat Christa B. den Weg dorthin gefunden. „Faktoren verändern sich mit der Zeit, der eigene Körper ebenso wie wissenschaftliche Erkenntnisse. Auch Therapien werden besser. Während dieser Woche am Schiffer Campus habe ich Gelegenheit, mich in allen diesen Bereichen neu zu justieren“, erklärt sie.
Fortschritt zum Genießen
Rund 1000 Patientinnen und Patienten werden jährlich im zertifizierten Diabetes-Exzellenzzentrum stationär behandelt, etwa 350 mit Diabetes Typ 1 und 650 mit Typ 2. Die dynamische Entwicklung neuer Behandlungsoptionen in der Diabetologie – darunter der Loop – fasziniert auch Dr. Ralf Jung: „Sie bedeuten eine erhebliche Verbesserung für unsere Patientinnen und Patienten im Alltag und tragen dazu bei, das Risiko für Folgeerkrankungen zu senken.“
Für Christa B. hat mit dem Loop ein neues Zeitalter begonnen: weg von Spritzen, umständlichen Blutzuckermessungen und minutiösen Tagebucheinträgen über jede Mahlzeit. Schwimmen, Duschen, Essen – all das ist heute unkomplizierter. „Ich esse wie alle anderen Menschen auch“, sagt sie. „Um beispielweise im Restaurant den Insulinwert zu regulieren, benutze ich einfach mein Handy. Weil heute alle ständig auf ihr Handy schauen, falle ich in der Öffentlichkeit gar nicht auf“, sagt sie lächelnd. Auch das bedeutet medizinischer Fortschritt: Freiheit, ganz nebenbei genießen zu können.