Die Therapie von Patrick S.
Patrick S. träumt von normaler Ernährung und manchmal auch von einem kleinen Stückchen Kuchen. Seinem Traum ist er inzwischen ein gutes Stück nähergekommen. Denn aufgrund einer erblich bedingten Saccharase-Isomaltase-Defizienz (CSID) konnte er jahrzehntelang keinen Kuchen essen. Bei dieser seltenen Stoffwechselstörung fehlt ein Enzym, das für die Spaltung bestimmter Zucker im Darm notwendig ist. Die Folgen: chronische Durchfälle und Bauchkrämpfe. Heute, nach der Diagnostik am Institut für Humangenetik der Universitätsmedizin Frankfurt, kann der 54-Jährige immerhin wieder ein kleines Kuchenstück genießen.
Der Weg dorthin war allerdings lang und steinig, denn aus Patrick S.‘ Kindheitstagen lag keine gesicherte Diagnose vor – und eine Behandlung gab es damals sowieso noch nicht. „Mein Leben lang habe ich Zucker gemieden“, erzählt Patrick S. „So hatte ich meine Erkrankung einigermaßen im Griff.“ Bis zu jenem Tag 2022, als der Landschaftsgärtner nach einer Dornenstichverletzung Antibiotika einnehmen muss. Die Medikamente bringen seine ohnehin empfindliche Darmflora vollends aus dem Gleichgewicht. Nach monatelangen Durchfällen ist er am Ende seiner Kräfte. „Diese Situation war psychisch und physisch unheimlich belastend“, erklärt Patrick S. „Irgendwann hatte ich fast den Lebensmut verloren.“
Durch Zufall erfährt er von dem Enzymersatzpräparat Sucraid aus den USA, das in Deutschland nur als Importarzneimittel erhältlich ist. Darauf setzt er große Hoffnungen. Doch für eine Verordnung des Medikaments fehlt eine eindeutige Diagnose. Diese erhält Patrick S. schließlich im Dr. Senckenbergischen Institut für Humangenetik. Dort wird eine umfassende Diagnostik eingeleitet: Darmbiopsie, Gen-Sequenzierung und eine molekulargenetische Untersuchung der Eltern. Denn es liegt der Verdacht nahe, dass vererbte Genveränderungen die seltene Erkrankung verursacht haben könnten. „Durch molekulargenetische Analysen wurden spezifische Genveränderungen bei Patrick S. nachgewiesen“, erklärt Alexander Fischer, Arzt am Institut für Humangenetik. „Zusammen mit dem Biopsiebefund, der zeigte, dass das Saccharase-Isomaltase-Enzym in der Darmschleimhaut tatsächlich fehlt, konnten wir die Genvariante als wahrscheinlich pathogen, also wahrscheinlich ursächlich für die Erkrankung, bewerten und damit die Grundlage für eine zielführende Behandlung legen.“
Zwar waren noch einige Hürden zu überwinden, bis die Krankenkasse die Kostenübernahme bewilligte, doch schließlich erhielt Patrick S. das lang ersehnte Medikament. „Als die Apotheke fragte, ob ich einen großen Kühlschrank habe, war ich erst überrascht“, erzählt er. „Bis ich gesehen habe, dass zehn Monatsrationen Sucraid einen deckenhohen Kühlschrank füllen.“
Das Präparat, das er zu jeder Mahlzeit einnimmt, hat seinen Alltag spürbar verändert. Mit normaler Ernährung kommt er heute deutlich besser zurecht. Süßes und Kuchen verträgt er weiterhin nur in kleinen Mengen, doch sein Gesundheitszustand hat sich erheblich verbessert. „Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Diabetes entwickeln, sehr gering“, macht ihm Alexander Fischer Mut – ein kleiner Trost nach jahrzehntelanger Belastung. Dank humangenetischer Expertise, intensiver interdisziplinärer Zusammenarbeit, aber auch Glück und bemerkenswerter Hartnäckigkeit hat Patrick S. sich ein Stück dolce vita zurückerobert. Seine tägliche Medizin schmecke übrigens erstaunlich süß, sagt er.
Über das Dr. Senckenbergische Institut für Humangenetik
„Seltene Erkrankungen werden sehr häufig unterdiagnostiziert“, sagt Professorin Dr. Dr. Birgit Zirn, Leiterin des Dr. Senckenbergischen Instituts für Humangenetik an der Universitätsmedizin Frankfurt. „Die richtige Diagnose zu finden ist häufig eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen“. Etwa, wenn es um Kinder mit Entwicklungsstörungen geht, bei denen sich noch keine eindeutige Diagnose stellen ließ. „Dann kann man breit suchen und unter Umständen auch das gesamte Genom sequenzieren.“ Besteht hingegen bereits ein konkreter Verdacht, so werden meist gezielt jene Gene angeschaut, die mit der entsprechenden Krankheit in Verbindung stehen.
Das Dr. Senckenbergische Institut für Humangenetik ist eine noch relativ junge Einrichtung der Universitätsmedizin Frankfurt. Es wurde im Oktober 2024 gegründet und beschäftigt mittlerweile sieben Ärzte in der genetischen Ambulanz. Im hochmodernen genetischen Labor ist ein großes Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern tätig, die die Rohdaten der Sequenzierung auswerten und befunden.
Das Institut für Humangenetik ist Teil des „Modellvorhabens zur Genomsequenzierung“ des Bundes und ermöglicht Betroffenen mit seltenen Erkrankungen oder Krebserkrankungen, mittels Genomsequenzierung untersucht zu werden. Ziel ist in erster Linie, genetische Veränderungen im gesamten Genom zu identifizieren, die als Ursache der Erkrankung in Frage kommen. Die genetische Diagnosestellung ermöglicht dann die Abstimmung der Therapie sowie die Beratung von Angehörigen. Wenn bei einem Kind eine genetische Ursache für eine schwere Behinderung oder Fehlbildungen festgestellt wird, können die Eltern über ein etwaiges Wiederholungsrisiko und die Möglichkeit der Pränataldiagnostik bis hin zur Präimplantations-Diagnostik informiert werden.
Die Humangenetik ist ein aufstrebendes Fach und wichtiger Pfeiler der modernen Medizin, die auf eine immer stärker personalisierte Diagnostik und Therapie setzt. Gleichwohl kennt man bislang längst nicht alle Gene, die mit erblich bedingten Erkrankungen in Verbindung stehen. Doch der Erkenntnisgewinn schreitet rasant voran, sagt die Frankfurter Professorin für Humangenetik. Fast jede Woche gäbe es neue Fachveröffentlichungen: „Die Datenbanken füllen sich schnell.“
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Veränderungen der Chromosomen sowie Varianten in einzelnen Genen. Das bekannteste Beispiel einer Chromosomenveränderung ist die Trisomie 21, das Down-Syndrom, bei dem drei anstelle von zwei Chromosomen 21 vorliegen. Das Down-Syndrom ist allerdings häufig nicht erblich bedingt, sondern entsteht als zufälliger Verteilungsfehler. Je älter die Mutter, desto häufiger sind Kinder vom Down-Syndrom betroffen.
Veränderungen in einzelnen Genen sind mittlerweile bei mehr als 7000 Erkrankungen bekannt. Diese Krankheiten sind meist selten, betreffen in der Summe jedoch etwa eine von 200 Geburten. Viele davon sind genetisch bedingte Stoffwechsel- oder Muskelerkrankungen. Einige Stoffwechselerkrankungen können gezielt behandelt werden. Als Beispiel sei die Mukoviszidose (auch als Zystische Fibrose bezeichnet) genannt, die in Deutschland eines von 3.000 bis 4.000 Neugeborenen betrifft. Betroffene Kinder gedeihen schlecht und haben viele und häufig schwer verlaufende Lungenentzündungen. Erst die genetische Diagnosesicherung ermöglicht eine Behandlung mit Mutations-spezifischen Medikamenten für Mukoviszidose.
Erkrankungen, die durch Veränderungen in einzelnen Genen bedingt sind, können unterschiedlich vererbt werden. Die Mukoviszidose und auch die oben beschriebene, bei Patrick S. diagnostizierte Stoffwechselstörung Saccharase-Isomaltase-Defizienz folgen dem autosomal-rezessiven Erbgang. Dabei sind beide Eltern gesunde Überträger einer defekten Genkopie und vererben diese mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent an Nachkommen, die dann zwei defekte Genkopien haben und von der Erkrankung betroffen sind. Des Weiteren gibt es autosomal-dominante, X-chromosomale und mitochondriale Vererbungswege. Wenn immer eine genetische Erkrankung diagnostiziert wird, wird im Rahmen der genetischen Beratung mit den Patientinnen und Patienten besprochen, wie die Erkrankung vererbt wird und ob die Erkrankung bei Kindern und weiteren Angehörigen auftreten kann.
Das Dr. Senckenbergische Institut für Humangenetik ist zudem auf erblich bedingte Krebserkrankungen spezialisiert. Zu diesen Tumorsyndromen zählen u.a. erblicher Brust- und Eierstockkrebs, erblicher Darmkrebs und erblicher Prostatakrebs. „Erbliche Krebserkrankungen machen rund zehn Prozent aller Krebsfälle aus“, erklärt Professorin Dr. Dr. Birgit Zirn. Kennzeichnend für die erblichen Formen sind „Krebsdiagnosen in jungem Alter, mehrere Krebserkrankungen bei einer Person und der auffällige Familienstammbaum mit Krebs in mehreren Generationen“. Bei Brust- und Eierstockkrebs sind die Gene BRCA1 und BRCA2 gut bekannt. Darüber hinaus sind weitere Gene bekannt, die bei Betroffenen im Rahmen einer sogenannten Genpanel-Diagnostik untersucht werden können. Angelina Jolie hat entscheidend dazu beigetragen, dass sich viele betroffene Frauen und Familien zur genetischen Beratung und Diagnostik vorstellen, als sie 2013 mit einer BRCA1-Mutation bei sich selbst und ihren Angehörigen an die Öffentlichkeit ging. Seitdem ist die Nachfrage in den genetischen Ambulanzen und Praxen anhaltend etwa zehnmal höher.
Wie kann man sich in einer genetischen Ambulanz vorstellen? Entweder mit Überweisung eines Arztes, oder aber auch aus eigenem Antrieb. Dazu reicht ein Telefonat mit der Humangenetik, in dem das Anliegen geklärt und ein Fragebogen zur Familienvorgeschichte und Vorbefunden verschickt wird. Beim ersten Termin in der Humangenetik erhalten Ratsuchende ausführliche Informationen und können sich dann für eine genetische Diagnostik im Labor entscheiden. Dazu ist meist eine Blutprobe ausreichend. „Wichtig ist auch, dass niemand mit dem Ergebnis alleine gelassen wird“, betont Professorin Dr. Dr. Birgit Zirn. Alle Befunde werden ausführlich besprochen und es wird ein individueller Fahrplan erstellt wie es weitergeht. Auch wenn noch längst nicht alle genetisch bedingten Erkrankungen behandelt werden können, sind bereits „extreme Fortschritte in der Aufklärung und Therapie gemacht worden“, erklärt die Humangenetikerin: „Da ist in Zukunft noch viel mehr zu erwarten.“