Zwischen Datenanalyse und Patientenwohl: Warum Statistik aus der modernen Forschung nicht wegzudenken ist.
Schon als junges Mädchen wusste Eva Herrmann, dass sie ihre Begeisterung für Mathematik zum Beruf machen möchte. Heute ist sie Professorin und Direktorin am Institut für Biostatistik und Mathematische Modellierung der Universitätsmedizin Frankfurt.
Was für Außenstehende wie ein Buch mit sieben Siegeln klingt, ist für Forschende von zentraler Bedeutung. „Statistik ist die Brücke zwischen der medizinischen Forschung und der praktischen Anwendung“, erklärt Professorin Dr. Eva Herrmann. „Die Erfassung, Analyse und Interpretation von Zahlen und Daten ist die unverzichtbare Grundlage für valide Erkenntnisse, die schließlich den Patientinnen und Patienten zugutekommen.“ Seit 2008 leitet sie das Institut, das heute aus einem kleinen, spezialisierten Team besteht: drei Mitarbeiterinnen, eine Assistentin, mehrere Doktoranden sowie zwei Masterstudenten.
Mehr als nur Zahlen
Neben klassischen statistischen Methoden arbeiten die Forschenden mit der Programmiersprache R, die speziell für komplexe Berechnungen, Datenanalyse und Visualisierungen entwickelt wurde. Doch Fachwissen allein reicht nicht aus: Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, komplexe Inhalte verständlich zu vermitteln.
Denn viele derjenigen, die ins Institut kommen, sind keine Statistik-Expertinnen und -Experten. Besonders Doktoranden suchen hier Unterstützung – etwa bei der Planung und Auswertung von Studien. Dafür bietet das Institut unter anderem eine offene Sprechstunde an. Beratung gehört zu seinen zentralen Aufgaben. Informationen findet man hier.
Die Fragen hinter der Forschung
Die Anliegen aus der medizinischen Forschung sind vielfältig und hochrelevant: Ist ein Medikament tatsächlich wirksam? Wie wahrscheinlich sind Nebenwirkungen? Gibt es einen statistisch bedeutsamen Zusammenhang zwischen zwei Variablen, z.B. einer Lärmexposition und dem Wiederauftreten von kardiovaskulären Komplikationen? Wie viele Patientinnen und Patienten müssen an einer Studie teilnehmen, um verlässliche Ergebnis zu erhalten? Um solche Fragen zu beantworten, sind fundierte statistische Kenntnisse unerlässlich. „Statistik ist entscheidend, um Forschungsergebnisse überhaupt richtig einordnen zu können“, betont Professorin Dr. Eva Herrmann.
Lehre als Fundament
Ein weiterer Schwerpunkt des Instituts liegt deshalb in der Ausbildung. Bereits im ersten klinischen Semester beginnen die Einführungskurse in Biostatistik und mathematischer Modellierung. Die Studierenden lernen dabei die Grundlagen: von deskriptiver Statistik wie Mittelwert, Median und Streuung über Hypothesentests bis hin zur Wahrscheinlichkeitsrechnung. „Die Bedeutung der Statistik wird oft unterschätzt“, sagt Professorin Dr. Eva Herrmann. „Dabei basiert jede wichtige klinische Erkenntnis auf statistischer Auswertung.“ Ein prägnantes Beispiel liefert die Erforschung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Aus heutiger Sicht klingt es simpel, aber erst groß angelegte Kohortenstudien im 20. Jahrhundert haben eindeutig gezeigt, dass Rauchen ein zentraler Risikofaktor für koronare und vaskuläre Erkrankungen ist“, so Professorin Dr. Eva Herrmann.
Spätestens seit der Corona-Pandemie sind Begriffe wie Inzidenz, Prävalenz, Sensitivität und Spezifität vielen Menschen geläufig. „Diese Begriffe stammen alle aus der Statistik“, erklärt die Professorin. „Viele nutzen sie heute ganz selbstverständlich, ohne sich bewusst zu machen, woher sie eigentlich kommen.“
Forschung, die wirkt
Das Institut arbeitet eng mit zahlreichen Kliniken und Forschungseinrichtungen zusammen. Ein Beispiel aus den Anfangsjahren von Professorin Dr. Eva Herrmann ist die Forschung zu Hepatitis-Virusinfektionen. Damals zeigte sich, dass nur etwa die Hälfte der Patientinnen und Patienten auf eine Therapie ansprach. Mithilfe statistischer Analysen konnte untersucht werden, warum das so war und welche Faktoren den Behandlungserfolg beeinflussen. Heute gilt eine chronische Hepatitis-C-Virusinfektion in vielen Fällen als gut behandelbar. Ein Erfolg, zu dem die Biostatistik maßgeblich beigetragen hat.
„Unser Ziel ist es, neue Erkenntnisse und Therapien zu ermöglichen – und uns im besten Fall irgendwann überflüssig zu machen“, sagt Professorin Dr. Eva Herrmann. Doch die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass genau das nicht eintritt. Denn mit jedem medizinischen Fortschritt entstehen neue Fragen. Und damit bleibt die Biostatistik ein unverzichtbarer Bestandteil moderner Forschung – heute und in Zukunft.