Die Therapie von Wilfrid H.

„Wir implantieren insbesondere den AMS 800“, erklärt Dr. Matthias Müller von der Klinik für Urologie. Wer dahinter ein Luxusauto oder Harry Potters neuesten Zauberbesen vermutet, liegt damit zwar nicht richtig, aber auch nicht so komplett falsch. Tatsächlich handelt es sich um ein technisch ausgeklügeltes System – den Goldstandard in der Behandlung der männlichen Belastungsinkontinenz: „Der AMS 800 ist eine Schließmuskelprothese, die ihren Trägern im besten Fall ein ganz neues Lebensgefühl beschert“, sagt Dr. Matthias Johannes Müller, geschäftsführender Oberarzt und Leiter der Endourologie und rekonstruktiven Urologie. Patient Wilfrid H. kann die Aussage bestätigen. 

Wenn Statistik nicht hilft
2019 erhält der 71-Jährige die Diagnose Prostatakarzinom. Daraufhin wird die Prostata in einem Krankenhaus vollständig entfernt, eine sogenannte radikale Prostatektomie. Eine mögliche Komplikation dieses Eingriffs ist eine postoperative Harninkontinenz, also unwillkürlicher Urinverlust durch einen geschwächten Blasenschließmuskel. Auch Wilfrid H. leidet darunter. Selbst mit Einlagen sind längere Spaziergänge oder Autofahrten kaum möglich. 

„In der Reha hieß es, etwa 90 Prozent der Patienten seien nach einem halben Jahr wieder kontinent“, erinnert er sich. „Ich dachte: ein guter Wert. Leider gehörte ich nicht dazu.“ Eineinhalb Jahre nach der Krebs-OP teilt ihm sein Urologe mit, dass sich seine Situation vermutlich nicht mehr wesentlich verbessern wird. „Damit wollte ich nicht leben“, sagt Wilfrid H.

Entscheidender Tipp aus der Reha
Ein Mitpatient in der Reha erzählt vom AMS 800. Wilfrid H. erfährt auch, dass die Universitätsmedizin Frankfurt ein Zentrum ist, in dem diese Operation regelmäßig durchführt wird. „Ich kann nur jedem Patienten empfehlen, sich an ein spezialisiertes Zentrum zu wenden“, betont Dr. Matthias Müller. „Hydraulische Schließmuskelsysteme gibt es seit mehr als 50 Jahren, die Technik ist jedoch vergleichsweise wenig bekannt und erfordert viel Erfahrung.“

Vor dem Eingriff werden geeignete Patienten sorgfältig ausgewählt. Besonders profitieren Männer mit einer reinen Belastungsinkontinenz – also Urinverlust bei körperlicher Belastung, Niesen oder Lachen. Auch die geistige und körperliche Verfassung spielt eine Rolle, denn Patienten müssen das System später selbst bedienen können.

Wie der künstliche Schließmuskel funktioniert
„Der AMS 800 ist ein Dreikomponentensystem, das die natürliche Schließmuskelfunktion imitiert“, erklärt Dr. Matthias Müller. „Es besteht aus einer mit Flüssigkeit gefüllten Manschette um die Harnröhre, einer Pumpe, die im Hodensack implantiert wird, und einem druckregulierenden Ballonreservoir im Unterbauch.“ Ist die Manschette gefüllt, verschließt sie die Harnröhre. Zum Wasserlassen drückt der Patient auf die Pumpe. Dadurch fließt die Flüssigkeit aus der Manschette in das Reservoir, und die Harnröhre öffnet sich. Nach wenigen Minuten stellt sich das System automatisch zurück.

Für Wilfrid H. war die Entscheidung für das System genau richtig. „Die Bedienung ist einfach“, sagt er. „Man braucht nur etwas Geduld, bis sich die Manschette wieder füllt. Das dauert ca. fünf bis sechs Minuten.“ Er trägt weiterhin eine Sicherheitsvorlage, doch der Unterschied zum Zustand vor der OP ist enorm.

Reparatur statt Neuanfang
Ende 2024 erlebt er jedoch einen Rückschlag. Beim Versuch, Weihnachtsbeleuchtung aufzuhängen, stürzt er mit einer Leiter. Dabei wird das implantierte System beschädigt, die Inkontinenz kehrt zurück. 

Die Untersuchung in der Klinik für Urologie ergibt, dass nur ein Verbindungsschlauch defekt ist, die übrigen Komponenten jedoch intakt sind. Nach einer Revisionsoperation funktioniert das System wieder einwandfrei – pünktlich zu Wilfrid H.s 77. Geburtstag. „Ein tolles Geburtstagsgeschenk“, sagt er. „Ich bin sehr dankbar, dass ich wieder aktiv am Leben teilnehmen kann.“ Reisen, Durchschlafen, spontane Unternehmungen – vieles ist wieder möglich.

Ein Thema, über das Männer sprechen sollten
Wilfrid H. und Dr. Matthias Müller möchten Männer ermutigen, über die Erkrankung und Therapieoptionen zu sprechen. „Gerade beim Mann ist Inkontinenz immer noch ein Tabuthema“, sagt der Urologe. „Viele Betroffene wissen gar nicht, dass es neben konservativen Maßnahmen auch operative Möglichkeiten gibt und dass wir mit dem AMS 800 bei etwa 80 Prozent der Patienten eine deutlich höhere Lebensqualität erreichen.“ Wilfrid H. gehört heute zu diesen 80 Prozent: „Ich freue mich, dass ich diesmal zur glücklichen Mehrheit gehöre“, sagt er.

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