Die Therapie von Mickey W.
Mickey W. sitzt entspannt mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einer Bank. „Die typische Sitzhaltung von Operierten: Endlich wieder die Beine übereinanderschlagen können“, erklärt der 66-Jährige stolz. Was wie eine beiläufige Geste wirkt, steht für einen tiefgreifenden Wandel. Vor acht Jahren rettete ihm eine Magenbypass-Operation durch Dr. Sylvia Weiner das Leben und veränderte es grundlegend.
„Der Gewinn an Lebensqualität war unglaublich befreiend. Ich schwitze viel weniger und komme nicht mehr so schnell außer Atem. Ich kann im Flugzeug und in der Bahn problemlos das kleine Tischchen herunterklappen und trotzdem bequem sitzen. Ich kaufe Kleidung in normalen Größen. Und vor allem: Ich nehme kein Insulin mehr“, resümiert Mickey W.
Der Wendepunkt
Vor neun Jahren sah sein Leben noch völlig anders aus. „2017 lag ich wegen Bluthochdrucks, vereiterter Nieren infolge chronischer Nierensteine und eines entgleisten Diabetes 40 Tage im Krankenhaus. Ich war am Ende“, erinnert sich der Theologe. Bei einer Körpergröße von 1,90m wog Mickey W. zeitweise 154 Kilogramm. Sein Body-Mass-Index (BMI) lag bei 43. Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation beginnt Adipositas, also Fettleibigkeit, bei einem BMI von 30 und wird in drei Schweregrade unterteilt. Mickey W. litt an Adipositas Grad III.
In dieser Situation lernt er Dr. Sylvia Weiner, Leiterin der Adipositaschirurgie am Schiffer Campus, kennen. Von ihr hört er den erlösenden Satz: „Sie sind nicht schuld an Ihrer Situation – Sie sind krank.“ „Als Dr. Weiner das sagte, habe ich vor Erleichterung geweint“, erzählt Mickey W. „Ich habe immer gedacht, dass es an mir liegt, dass ich undiszipliniert bin.“ Die Chirurgin erklärt: „Adipositas ist eine chronische Erkrankung, keine Frage von Willenskraft. Betroffene leiden an einer Fehlregulation des Fett- und Zuckerstoffwechsels, die unter anderem zu dauerhaft erhöhten Blutzuckerwerten und Diabetes führen kann.“
Magenbypass – eine lebensrettende Entscheidung
Diesen krankhaften Kreislauf zu durchbrechen, ist das Ziel der Metabolic Unit am Schiffer Campus. Hier werden Stoffwechselerkrankungen umfassend und individuell behandelt. Für Dr. Sylvia Weiner stand damals fest, dass keine Zeit mehr zu verlieren war. „Wenn wir Mickey W. damals nicht operiert hätten, würde er heute wahrscheinlich nicht mehr hier sitzen“, sagt sie. „Eine unbehandelte Adipositas verkürzt die Lebenserwartung um etwa zehn bis fünfzehn Jahre. Stark belastete Gelenke und Begleiterscheinungen wie Bluthochdruck und Diabetes erhöhen das Risiko erheblich.“
Für jede Patientin und jeden Patienten am Schiffer Campus wird individuell entschieden, welche Therapie infrage kommt – Medikamente, eine Operation oder eine Kombination aus beidem. Nach ausführlicher Beratung entscheidet sich Mickey W. für eine Magenbypass-Operation. „Die deutsche und die internationale Diabetes-Gesellschaft sind sich einig, dass der Magenbypass eine Anti-Diabetes-Operation ist. Auch im Fall von Herrn W. war das die richtige Therapiewahl“, sagt Dr. Sylvia Weiner.
Bei dem Eingriff wird der Magen verkleinert und ein Teil des Dünndarms umgeleitet. Dadurch verändert sich die Wirkung bestimmter Botenstoffe – Zuckerstoffwechsel und Körpergewicht können sich wieder normalisieren.
Mehr als weniger Gewicht
Heute verbindet die Ärztin und ihren Patienten eine Freundschaft. Gemeinsam möchten sie auf die Behandlungsmöglichkeiten bei Adipositas aufmerksam machen und Vorurteile abbauen. „Viele Patientinnen und Patienten kennen die verschiedenen Therapieoptionen nicht und kommen erst dann zu den Spezialistinnen und Spezialisten, wenn bereits schwere Komplikationen eingetreten sind“, sagt Dr. Sylvia Weiner.
Dabei besteht bei einem BMI über 35, insbesondere in Verbindung mit Begleiterscheinungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Schlafapnoe, grundsätzlich eine OP-Indikation. Voraussetzung für die Kostenübernahme durch die Krankenkassen ist in der Regel eine mindestens sechsmonatige, strukturierte Vorbehandlung.
Zurück in ein normales Leben
Heute wiegt Mickey W. weniger als 100 Kilogramm. Seine Körperfettanalyse – sie zeigt die Verteilung von Wasser, Fett und Muskulatur im Körper an – weist ausschließlich Werte im grünen Bereich aus. Diabetes spielt für ihn keine Rolle mehr. „Ich würde die Operation jederzeit wieder machen“, sagt er. „Sie hat meine Lebensqualität unglaublich verbessert –auch wenn man sich danach an einige Regeln halten muss.“ Mickey W. achtet auf eine gesunde Ernährung, treibt Sport, nimmt zusätzlich Vitamine sowie Mineralstoffe ein und setzt sich regelmäßig mit den Hintergründen seiner chronischen Erkrankung auseinander.
„Bei rund 90 Prozent der Patientinnen und Patienten gelingt es uns mit einem Magenbypass, das Körpergewicht zu normalisieren“, ergänzt Dr. Sylvia Weiner. „Nebenerkrankungen bessern sich deutlich oder verschwinden dauerhaft. Der große Erfolg dieser Therapie ist einer der Gründe, warum sie seit mehr als 50 Jahren angewendet und kontinuierlich weiterentwickelt wird.“
Wenn Mickey W. heute die Beine übereinanderschlägt, erinnert ihn diese kleine Geste daran, dass er sich ein Stück Normalität zurückerobert hat.