Die Therapie von Benjamin D.

'Cause life starts now
You've done all the things that could kill you somehow
And you're so far down
But you will survive it somehow
'Cause life starts now

Immer wieder aufstehen, wenn man gefallen ist – „ja“ zum Leben sagen: In diesen Songzeilen der kanadischen Rockband Three Days Grace fand sich Benjamin D. so sehr wieder, dass er sich das Cover der Band auf seinen linken Unterarm tätowieren ließ. Dazu das Datum, an dem für ihn ein neues Leben begann.

Am 16. März 2016 unterzog sich der damals 20-Jährige an der Klinik für Neurochirurgie der Universitätsmedizin Frankfurt einer Gehirnoperation – mit durchschlagendem Erfolg: Seitdem ist der ehemalige Epilepsiepatient anfallsfrei. Vor wenigen Monaten konnte er das letzte Medikament absetzen, und inzwischen darf er wieder uneingeschränkt Auto fahren. „Ich habe die Operation als große Chance gesehen, meinem Leben eine positive Wendung zu geben“, sagt Benjamin D. „Ob es klappt, wusste ich damals nicht, aber ich wollte diese Gelegenheit unbedingt ergreifen.“

Vom ersten Anfall zur Epilepsie
An seinen ersten epileptischen Anfall, der ihn und die Familie schockierte, kann sich Benjamin D. noch gut erinnern. Er war sechs Jahre alt und verbrachte einen unbeschwerten Tag im Freizeitpark – bis plötzlich alles stillstand. „Ich stand wie angewurzelt da, als hätte mein Gehirn einfach abgeschaltet. Dann fiel ich ohne Vorwarnung kopfüber ins Wasser“, schildert Benjamin D. die erschreckende Situation. Ein Rettungshubschrauber fliegt ihn in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Die Diagnose lautet zunächst: Fieberkrampf. Erst Jahre später, nach vielen weiteren Anfällen, stand fest: Es ist Epilepsie. Medikamente zeigten allerdings kaum Wirkung.

„Bei Benjamin D. wurden im Lauf der Jahre mindestens fünf verschiedene Medikamente eingesetzt – ohne Erfolg“, erklärt Prof. Dr. Felix Rosenow, Leiter des Epilepsiezentrums Frankfurt Rhein-Main an der Universitätsmedizin Frankfurt. „Eine Pharmakoresistenz erleben wir bei diesem Krankheitsbild relativ häufig. Etwa 30 Prozent der Betroffenen sprechen auf Antiepileptika nicht ausreichend an. Dann empfehlen wir, sich in einem spezialisierten Epilepsiezentrum wie unserem vorzustellen.“ 

Die entscheidende Entdeckung
Bei Benjamin D. zeigte das hochauflösende MRT eine selten erkannte Veränderung: eine Schädigung des rechten mehr als des linken Schläfenlappens. Im Epilepsie-angepassten Kernspintomogramm wurden beidseitige Enzephalozelen entdeckt, d.h. Hirn war durch die Schädelbasis nach außen getreten. Nach intensiven Gesprächen und weiteren Untersuchungen auf der Epilepsie-Monitoringstation stand fest: Die Anfälle gingen ausschließlich vom rechten Schläfenlappen aus. 

„Das war die entscheidende Information“, sagt Prof. Dr. Felix Rosenow. „Die Anfälle ließen sich auf eine bestimmte Hirnregion eingrenzen – waren also fokalen Ursprungs. Zudem war die betroffene Region operativ gut erreichbar.“ In einer Fallkonferenz unter Beteiligung von Epileptologen, Neurochirurginnen, -radiologen und -psychologinnen der Universitätsmedizin Frankfurt wurde grünes Licht für die Operation gegeben. Die Erfolgschancen galten als hoch.
 

Mut zur Operation
Für den jungen Wiesbadener Benjamin D. war diese Aussicht ebenso befreiend wie beängstigend. Er entschied sich dennoch relativ schnell und entschlossen für die Operation. „Die ständige Angst vor dem nächsten Anfall, die Nebenwirkungen der Medikamente, die trotz steigender Dosen nicht halfen – das alles wollte Benjamin hinter sich lassen“, sagt sein Vater Jürgen, der ihn stets begleitete. Nach dem Eingriff und einer Reha verbesserte sich nicht nur Benjamins Gesundheit, sondern auch seine schulischen Leistungen. Während der Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten stieg sein Notendurchschnitt um zwei volle Noten.

Tag eins der Freiheit
Die Entscheidung zur Operation beurteilt Benjamin D. als eine der besten seines Lebens. „Nach der OP dachte ich: Wow, ich habe es geschafft. Keine Angst mehr, im Job, im Urlaub oder auf der Straße einen Anfall zu erleiden. Ich kann mein Leben selbst bestimmen – das ist für mich Freiheit.“ Sein Tattoo erinnert ihn jeden Tag daran: ein aufgebrochener Käfig als Symbol für die überwundene Erkrankung. Dazu: 17. März 2016. „Das war Tag eins meiner Freiheit“, sagt er.

Auch Prof. Dr. Felix Rosenow freut sich über den Erfolg. „Solche Ergebnisse sind nicht selbstverständlich. Aber zu sehen, wie Menschen nach einer erfolgreichen Behandlung am Epilepsiezentrum ein völlig normales Leben führen – das ist schon sehr befriedigend.“ Für Benjamin D. ist es genau das, was die Zeile seines Lieblingssongs verspricht: Life starts now.

Weitere Informationen