Die Therapie von Michael A.
An eines seiner ersten Gespräche in der Strahlentherapie erinnert sich Michael A. noch gut. „Das Jahr 2024 wird für Sie kein Premiumjahr“, sagt Dr. Maximilian Fleischmann, Facharzt für Strahlentherapie an der Universitätsmedizin Frankfurt. Eine ehrliche Prognose, die der 51-Jährige erst einmal verdauen muss. Erst vor Kurzem hat Michael A. erfahren, dass er an einem Tumor im Bereich seiner Rachenmandeln leidet, ausgelöst durch Humane Papillomviren (HPV). Trotz des Schocks imponiert ihm die Offenheit des Arztes.
„Wir erwarten von unseren Patientinnen und Patienten, dass sie ehrlich zu uns sind, also geben wir dasselbe zurück“, sagt Dr. Maximilian Fleischmann. „Wir erklären, was während der Behandlungen passiert, und machen zugleich Mut, dass es nach der herausfordernden Therapie in der Regel deutlich besser wird.“ Transparenz sei wichtig für eine tragfähige Arzt-Patienten-Beziehung und eine gemeinsame Entscheidungsfindung. Nur wenn Therapieablauf sowie mögliche Akut- und Spätnebenwirkungen ausführlich erläutert würden, könnten Patientinnen und Patienten gut informiert entscheiden und bestmöglich auf ihrem Weg begleitet werden. Für Michael A. ist dieses Konzept aufgegangen. „Ich habe mich immer gut aufgehoben gefühlt und hatte immer das Vertrauen, dass das genau die richtige Therapie für mich ist“, sagt er rückblickend.
Symptome und Diagnose
Das Frühjahr 2024 beginnt für Michael A. mit geschwollenen Lymphknoten an der linken Halsseite – ausgerechnet kurz vor einer Dienstreise in die Elfenbeinküste. An Krebs denkt er zunächst nicht. Erst nach seiner Rückkehr steht das Ergebnis der Biopsie fest: HPV-bedingter Rachenkrebs. Im Universitären Centrum für Tumorerkrankungen der Universitätsmedizin Frankfurt erhält er dennoch eine gute Nachricht: Das interdisziplinäre Tumorboard kann ihm zwei Therapie-Optionen mit vergleichsweise guter Prognose empfehlen. Nach intensiver Beratung, auch im Familienkreis, entscheidet er sich für die Operation, gefolgt von einer Strahlenchemotherapie.
Die Operation: ein komplexer Eingriff
PD Dr. Benjamin Ernst, Leitender Oberarzt und Sektionsleiter Onkologische und Rekonstruktive Kopf-Hals-Chirurgie an der Klinik für Hals,- Nasen-, Ohrenheilkunde, erläutert das Vorgehen: „Der Tumor wird durch den Mund entfernt, der Defekt im Rachen mit Gewebe vom Unterarm rekonstruiert. Zusätzlich werden Lymphknoten entfernt und ein Luftröhrenschnitt angelegt.“
Das Unterarmtransplantat eignet sich gut für diese Rekonstruktion, da es ausreichend Gewebe sowie Blutgefäße mitbringt, die mikrochirurgisch neu verbunden werden können. Der Luftröhrenschnitt ist notwendig, weil es nach der Operation zu Schwellungen und Blutungen kommen kann. „Der Kehlkopf ist die engste Stelle der Atemwege“, ergänzt PD Dr. Benjamin Ernst. „Der Luftröhrenschnitt ist in dieser Situation eine Lebensversicherung.“
Für Michael A. bedeutet der mehrstündige Eingriff neben der Tumorentfernung auch eine Hauttransplantation – vom Oberschenkel auf den Unterarm, vom Unterarm in den Rachen – sowie künstliche Zugänge zu Magen und Luftröhre. Die Folgen waren zeitweise Schmerzen, Schwellungen sowie massive Schluck- und Sprechprobleme.
Bestrahlung und Chemotherapie: der härtere Brocken
„Die Operation war der erste harte Brocken. Ich dachte: Schlimmer kann es nicht werden“, sagt Michael A. „Im Nachhinein weiß ich, dass die anschließende Chemo- und Strahlentherapie noch belastender war.“ Mit jeder Woche nehmen die Nebenwirkungen zu: Verlust des Geschmackssinns, Appetitlosigkeit, Schluckbeschwerden. „Man versteht erst dann, wie viel Lebensqualität fehlt, wenn man alltägliche Dinge wie ein Gespräch oder eine Mahlzeit nicht mehr genießen kann.“
Geringere Strahlendosis – ein spürbarer Unterschied
Michael A. hat Glück: Die Klinik für Strahlentherapie und Onkologie der Universitätsmedizin Frankfurt bietet für Patientinnen und Patienten mit genau diesem Krankheitsbild die Teilnahme an einer Studie an. Sie soll zeigen, dass sich bei HPV-bedingtem Rachenkrebs nach einer Operation die Strahlendosis reduzieren lässt, ohne das Rückfallrisiko zu erhöhen. „Wir konnten die Dosis inzwischen signifikant senken, ohne das onkologische Ergebnis zu verschlechtern“, erklärt Dr. Maximilian Fleischmann. Das verringert Nebenwirkungen und verbessert die Lebensqualität deutlich.
Gerade im sensiblen Halsbereich kann diese Reduktion entscheidend sein, um empfindliche Strukturen wie die Speicheldrüsen und die Schluckmuskulatur zu schonen. Einen echten Aufwärtstrend spürt Michael A. bereits wenige Wochen nach Abschluss der Therapie.
Zurück ins Leben
Seitdem geht es Schritt für Schritt bergauf. Der Geschmackssinn kehrt zurück. Die Narben an Unterarm und Oberschenkel verblassen langsam. Wenige Einschränkungen bleiben: Beim Essen gelangt gelegentlich Nahrung in die Nase, bei Kälte fällt ihm das Sprechen schwer. „Aber wenn es bei diesen Nebenwirkungen bleibt, sage ich: alles easy“, bilanziert Michael A. Auch seine Lieblingssportarten Radfahren und Schwimmen hat der Bad Homburger mit gleicher Intensität wieder aufgenommen. „Das ist mein Maßstab“, sagt Michael A. „Was ich vor der Erkrankung konnte, kann ich jetzt wieder. Nur mache ich es jetzt bewusster.“
Damit schließt sich ein Kreis. „2024 war kein Premiumjahr“, sagt er rückblickend. „Aber seit 2025 gibt es wieder die Chance auf hervorragende Jahre. Dafür bin ich sehr dankbar.“ Als er in seinen Beruf zurückkehrt, führt ihn seine erste Dienstreise erneut in die Elfenbeinküste. Dazwischen liegt für den Familienvater eine Reise, die weiter war als jede Dienstreise: der Weg zurück ins Leben.